Begegnung hoch 3 – Hochsensibilität in Beziehungen

beziehung

Wir Menschen sind soziale Wesen. Ohne den Austausch und das Miteinander wäre unsere Existenz nicht vorstellbar. Wir brauchen einander – und am Beginn unseres Lebens wären wir ohne den Kontakt zum versorgenden Gegenüber nicht überlebensfähig. Beziehungen bestimmen wer wir sind und wer wir sein können. Der Kontakt zu anderen Menschen hilft uns dabei, Kontakt mit uns selbst aufzunehmen, uns kennenzulernen und anzunehmen, als jahrelanger Prozess der Entwicklung und Ich-Werdung. Sich den Menschen ohne Bezug nach außen, ohne Einbindung in ein (soziales) Netzwerk vorzustellen, ist kaum möglich. Niemand ist isoliert, nur für sich, abgekapselt und losgelöst. Der Wunsch und die Suche nach Beziehungen ist so tief in uns verwurzelt, dass alles hiervon durchdrungen ist. Gleichzeitig liegt hierin auch eine enorme Herausforderung. In der Gestaltung von Beziehungen bildet sich alles ab, was uns ausmacht, was uns bewegt, berührt, bedrückt und beglückt. Worte stoßen rasch an Grenzen, reichen kaum aus, um die Tragweite dieses Themas gebührend zu beschreiben.

Der nachfolgende Text versteht sich als Annährung und möchte einen speziellen Aspekt herausgreifen. Zugrunde liegt das wachsende Interesse an einer Thematik, die zwar keinesfalls neu ist, gleichwohl aber erst seit einigen Jahren zunehmend Beachtung findet: Hochsensibilität. Wie erleben hochsensible Personen Beziehungen? Welche Herausforderungen ergeben sich? Für Betroffene ist die Hochsensibilität etwas In-Ihnen-Liegendes, ein Merkmal, das ihr Sein in der Welt und den Umgang mit ihren Mitmenschen maßgeblich beeinflusst.

Was zeichnet „hochsensible“ Personen aus?

Zuallererst ist es wichtig zu betonen, dass Hochsensibilität nicht als Makel oder gar als etwas Negatives, Krankhaftes zu verstehen ist. Etwa jeder fünfte Mensch besitzt diese Eigenschaft, die als Persönlichkeits- oder Wesensmerkmal genauso neutral betrachtet werden sollte wie die Haarfarbe oder das Geschlecht. Aber: Bewertet wird in vielen Fällen natürlich trotzdem – „Meine Güte, bist du empfindlich!“ Menschen mit feiner Wahrnehmung erleben ihre eigenen Gefühle, ihre Umwelt und den Kontakt zu anderen Personen intensiver, im wahrsten Sinne des Wortes „reiz-voller“ und kommen schneller an einen Punkt, an dem sie Abstand brauchen, um nicht zu überlasten. Für weniger empfindsame Menschen (die immerhin das Gros unserer Gesellschaft ausmachen) ist dies mitunter nur schwer nachvollziehbar, sorgt entweder für Unverständnis oder manchmal auch für negative Reaktionen vom Belächeln und wunderlich-finden bis hin zur (offenen) Ablehnung. Untereinander verstehen sich Hochsensible natürlich besser, obwohl es auch hier Unterschiede geben kann, in welchen Bereichen eine erhöhte Empfindsamkeit vorliegt.

Herausforderung für Beziehungen

Zwischenmenschlicher Kontakt bietet besondere Herausforderungen. Einerseits ist unser Alltag hiervon bestimmt – Begegnungen mit anderen Personen lassen sich für die absolute Mehrheit von uns so gut wie nicht vermeiden. Auch sind wir Menschen sozusagen von Natur aus auf diese Art von Kontakt „geprimt“, d.h. vorveranlagt, besonders aufmerksam und sensibel, auch ohne das Wesensmerkmal der Hochsensibilität. Unser Wahrnehmungsapparat analysiert Gesichter und Emotionen in Millisekunden, kategorisiert und bewertet. Vollkommen verständlich, wenn man sich die Entwicklung der Menschheit vor Augen führt, denn: Ein Gegenüber erkennen und einschätzen zu können war genauso überlebenswichtig wie der Kontakt zu einer Bezugsperson für das Neugeborene. Wen habe ich vor mir? Freund oder Feind?

Bei Menschen mit Hochsensibilität kann hier von einem noch größeren Wahrnehmungsbereich gesprochen werden. Die Feinfühligkeit registriert feinste Schwingungen in der Beziehung, nimmt Bedürfnisse wahr oder auch unausgesprochene Konflikte. Mitunter zögern Hochsensible, bleiben auf Abstand und zeigen sich weniger spontan. Extrovertiertes Auftreten, laut und dominant, verschreckt in vielen Fällen. Was rasch als „zu viel“ aufgefasst wird, kann beim Gegenüber für umgekehrte Reaktionen sorgen: „Was habe ich denn jetzt schon wieder gemacht?“, „Was für eine Mimose!“ oder „Du bist so langweilig!“

Hierdurch kann eine Wunde aufgerissen werden, die Hochsensiblen bereits in ihrer Kindheit zugefügt wurde. Denn vielen Eltern fehlte oder fehlt das Verständnis für diese Eigenschaft. Zwar gilt Hochsensibilität als angeboren, doch heißt dies nicht automatisch, dass Kinder auf gleichermaßen empfindsame Mütter und Väter treffen, die überdies noch ein entsprechendes Selbstverständnis besitzen. Allzu häufig wird bereits von Anfang an – sobald sich Verhaltensweisen bei den betroffenen Kindern zeigen, die nicht „der gesellschaftlichen Norm“ entsprechen – versucht, hier Veränderungen zu bewirken, abzuhärten, das Kind zu einem „normalen Verhalten“ zu erziehen. Das Resultat dieser Bemühungen ist ein tiefsitzendes Gefühl der „Andersartigkeit“, verbunden mit dem Erleben von mehr oder minder subtiler Ablehnung und Verurteilung. Die Eltern mögen es „nur gut“ meinen, bewirken schlussendlich aber in vielen Fällen, dass Hochsensible sich selbst nur schwer annehmen können, ihre Empfindsamkeit genauso ablehnen und späteren Begegnungen stets mit großer Vorsicht und ängstlich entgegengehen.

Chancen sehen im Hier und Jetzt

Frühere Beziehungserfahrungen bestimmen unsere Erwartungen an zukünftige Beziehungen. Das ist die eine Seite. Andererseits bieten neue Erfahrungen im „Hier und Heute“ die große Chance, frühere Verletzungen zu lindern und deren Wirkung auf unser Verhalten zu verringern. Natürlich braucht es zunächst eine gewisse Portion Mut; umso mehr, je problematischer die zurückliegenden und unseren Beziehungsstil größtenteils prägenden Begegnungen waren. Hier kann auch therapeutische Hilfe erforderlich sein, um sich überhaupt zu trauen, anderen Erfahrungen eine Chance zu geben. Denn natürlich besteht immer auch das Risiko, ein weiteres Mal verletzt zu werden. Der Kontakt zu einem speziell ausgebildeten Therapeuten stellt manchmal einen „Türöffner“ dar: Ausgehend von der sicheren Basis der verständnisvollen und ermutigenden therapeutischen Beziehung fällt es Schritt für Schritt leichter, sich privaten Beziehungen zu öffnen. Und hierdurch vielleicht aufgrund der Hochsensibilität eine Tiefe des Kontakts zu erfahren, eine Befriedigung und Bereicherung, wie sie vorher noch nicht erlebt wurde.

Die Parkklinik Heiligenfeld in Bad Kissingen bieten Menschen mit Hochsensibilität einen besonderen Rahmen, um Beziehungen zu erleben und zu gestalten, mit anderen und mit sich selbst. Denn neben dem Verständnis von außen spielt vor allem auch die eigene Haltung zur Hochsensibilität eine zentrale Rolle: Kann ich mich so akzeptieren, wie ich bin? Schaffe ich es, meine Bedürfnisse und Grenzen zu vertreten und mich entsprechend zu verhalten? In einer haltgebenden therapeutischen Gemeinschaft werden Patienten mit psychischen und psychosomatischen Beschwerden darin unterstützt, das eigene Leben befriedigender und für sich selbst gelingender zu gestalten – und Personen mit Hochsensibilität werden darin bestärkt, ihre Individualität anzunehmen und ihr Potenzial zu erkennen.

Veranstaltunstipps der Akademie Heiligenfeld:

  • Seminar: „Hochsensibel in Beziehung sein“ – Akademie Heiligenfeld vom 23. – 25.3.2018.
  • Die Akademie Heiligenfeld veranstaltet bereits zum zweiten Mal ein Symposium zum Thema „Lebendige Hochsensibilität“. Vom 02.02.18 – 03.02.18 wird das Thema der Hochsensibilität für die fachlichen Kollegen und auch für die an Hochsensibilität Interessierten aus vielen Blickwinkeln beleuchtet. Lassen Sie uns mit Hilfe von Vorträgen, mehreren Workshops und im Austausch ein fachliches, praxisorientiertes und lebendiges Bild der Hochsensibilität gestalten.

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René Greiner

René Greiner

René Greiner ist als Diplompsychologe in der Marketingabteilung der Heiligenfeld Kliniken. Er ist zuständig für die Koordination der Zusammenarbeit mit den Psychotherapeuten und Ärzten der Klinik und für die fachspezifische Bearbeitung von Texten. Zuvor war er lange als Psychologe in der Parkklinik Heiligenfeld tätig.

1 Kommentar


  1. Nach wie vor halte ich es für außerordentlich wichtig, dieses Thema in die Gesellschaft hineinzutragen, um eine Sensibilisierung und Toleranz herbeizuführen. Letztendlich geht es jedoch immer darum, einen Menschen mit all seinen Besonderheiten und „Andersartigkeiten“ wertzuschätzen (oder zumindest zu respektieren) und im Anderen nicht das Ebenbild seiner eigenen Person zu suchen.
    Die Linderung – oder sogar die Befreiung – von alten Verletzungen, eröffnet ein Meer von neuen und positiven, dennoch auch gelegentlichen negativen Erfahrungen. Beides gehört zum Leben und Lebendig-Sein dazu. Es ist das Vertrauen in das Leben, das immer wieder aufs Neue versucht oder gelebt werden sollte.

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