Kreativität für die Seele – Interview mit Kreativtherapeut Andreas von Borstel

Kreativität für die Seele - Interview mit Kreativtherapeut Andreas von Borstel

Kreativtherapeutische Verfahren sind in den Heiligenfeld Kliniken ein wichtiger Bestandteil der Therapien. Neben den mehr sprachzentrierten Angeboten helfen sie in ihren verschiedenen Formen dabei, noch einmal anders bei uns selbst anzukommen. Sie wollen helfen, in Selbstbegegnungen zu gelangen, sich auszudrücken, Erlebtes zu verarbeiten und zu korrigieren. Kreativtherapeutische Angebote geben uns vielfältige Zugänge zu unserer schöpferischen Kraft.

Eine Therapiegruppe, die sich bewusst mit den kreativen Kräften im Menschen befasst, heißt “Kreative Medien“. In ihr wird mit verschiedenen Farben gemalt, mit Ton plastiziert, auch gezeichnet. In Einzelfällen finden Prozesse unter Einbeziehung von Schrift, Collagen oder Steinbildhauerei statt.

In dieser zweimal pro Woche stattfindenden Gruppe wird vornehmlich prozessorientiert gearbeitet. Erst am Ende des Angebots werden die entstandenen Bilder besprochen und gewürdigt.

Andreas von Borstel ist Diplom-Kunsttherapeut und arbeitet bereits seit sechs Jahren in den Heiligenfeld Kliniken. Aktuell leitet er unter anderem die Therapiegruppe „Kreative Medien“. In einem Interview hat er mir erzählt, was das Besondere an dieser Gruppe ist und wie Kreativität auf dem Weg zu einem gesunden Leben helfen kann.

Andreas von BorstelHerr von Borstel, in den Heiligenfeld Kliniken haben die Kreativtherapien einen großen Anteil am therapeutischen Konzept. Wobei hilft Kreativität im therapeutischen Kontext?

Die Bedeutung von kreativtherapeutischen Verfahren liegt in der Behandlung von  psychosomatischen Erkrankungen darin, dass wir durch sie unterschiedliche Zugänge zu unseren schöpferischen Kräften bekommen. Solche Zugänge, Kanäle oder Brücken sind ja „Eröffnungen zum ganzen Menschen“. Sie aktivieren, sensibilisieren und erweitern ihn in seinen ganzen Sinnesprozessen. So lassen sie den Patienten in differenziertere Selbstwahrnehmungen kommen. Sie berühren und integrieren in ihm Anteile, die unbewusst waren oder abgespalten wurden. Dazu gehören neben unseren Gefühlen sehr unbewusste Prägungen und Muster.

Zugänge zur eigenen Kreativität wieder zu finden, heißt aber auch, sich in seinem „Mensch-Sein“ wieder zu entdecken. Sich selbst in den eigenen Potenzialen zu begegnen. Wenn wir von den sehr existenziellen Kernfragen ausgehen: Wie bin ich geworden? – Wer bin ich? – Wo will ich hin? – dann werden sich diese gerade in einer Klinik nicht auf einer rationalen Erkenntnisebene beantworten lassen. Sie werden sich – ausgelöst durch Lebenskrisen und Erkrankungen – nicht nur reflektierend beantworten lassen. Vielmehr geht es meiner Erfahrung nach darum, mehr und mehr die blockierten, verschütteten, verloren geglaubten Potenziale in jedem Menschen zu erschließen. Es geht doch darum, in ihm und aus seiner Freiheit heraus an das Bewegende, Evolutive, Gestaltende anzuknüpfen, es zu spüren und aktiv werden zu lassen. Kreativität ist eine Heilungsqualität, die uns nicht nur in unseren Gefühlen abholt. Sie ist viel mehr. Sie liegt meines Erachtens sehr nahe, sehr elementar im „Wesen des Menschen“, in seiner Selbst- und Weltverbundenheit. Ich kann das auch transpersonal oder spirituell nennen.

Wenn Kreativität also zu einer solchen Entdeckung im „Mensch-Werden“ beiträgt, dann ist viel für die Gesundung gewonnen.

Mit welchen Problemen erleben Sie die Patienten in Ihrer Therapiegruppe?

In der Gruppe „Kreative Medien“ erlebe ich oft Patienten mit frühkindlichen Bindungs- und Entwicklungsstörungen. Das schließt auch vielfältige Traumatisierungen und deren Nachfolgestörungen ein. Häufig ist es so, dass Menschen mit solchen gravierenden Erfahrungen sehr grundlegend in ihrer Persönlichkeitsentwicklung verletzt wurden. Sie besitzen dann zu wenig Bewältigungsstrategien, Abgrenzungen oder Integrationskräfte. So leiden sie oft unter Vertrauensverlust und mangelndem Selbstwert. Das führt zu enormen Anspannungen ihres Gesamtsystems. Manchmal auch zu dessen Gegenteil: Plötzliche, psychische Entleerungserlebnisse. Als könne etwas im Menschen nicht mehr gehalten werden.

Als Kunsttherapeut kann ich nun über Anregungen und Übungen die Patienten in einen Prozess hineinbegleiten, der ihnen im Malen Möglichkeiten anbietet, in gesundere Abgrenzungen, in einen Schutz des Eigenraums gegenüber dem Außen zu gelangen. Das erforscht und malt er. Was braucht es? – Wie stabil und durchlässig gleichzeitig sollte die eigene Grenze sein? – Welche Farben, welche Farbkontraste entsprechen diesem Innenerleben?

Der Patient durchlebt dann sehr real auf der Ebene seiner Malerei veränderte Formen, neue Gestaltungen seiner Beziehungen zur Welt. In den Selbstausdrücken in Bildern erlebt er es nicht als weiter abschließend und verpanzernd, sondern so, dass lebendige Grenzbildungen auftauchen, die nun in selbstbestimmten Teilen durchlässiger werden, ohne den „Eigenraum“ völlig aufzuheben.

Das bedeutet auch, immer das Spontane, Unvorbereitete, Unvollkommene auftauchen zu lassen. Oftmals stecken in solchen Zufällen, scheinbaren Fehlern, ja schon heilsame Richtungshinweise, die wir nur noch nicht lesen können.

So lade ich die Patienten gerne ein, in Bilderfolgen, in Sequenzen zu gehen. Ich möchte eine Atelieratmosphäre herstellen, in der ausprobiert, überprüft, wieder verworfen werden darf. Mir sind neben Aspekten der Werkstatt auch Aspekte des Spielplatzes für den Malraum wichtig: In eine Leichte kommen, sich gegenseitig anregen und wertschätzen. Den „intimen Dialog“ mit dem eigenen Bild oder die unter meinen Händen entstehende Plastik pflegen.

Wie kann man sich das in der Praxis vorstellen?

Ich gebe meistens am Anfang der Stunde eine Anregung. Denn gerade Menschen mit Depressionen haben den Zugang zu ihrer Kreativität häufig verloren. Eine Anregung könnte sein, sich mit dem Sinnbild des Lebensflusses zu befassen. An welcher Stelle des Flusses steht man, wie ist man in Verbindung mit seiner Umgebung, was wünscht man sich, welche Zuflüsse gibt es, die Energie geben und so weiter. So erleben die Patienten einen spielerisch künstlerischen Zugang zu sich selbst. Außerdem stoppen wir bewusst mal Handlungen oder verändern sie komplett. Zum Beispiel, dass man den Spachtel, mit dem man immer arbeitet mal zur Seite legt und mit den Händen malt. So erhält man ein ganz anderes Gefühl für die Farbe. Oder dass ich jemanden darauf hinweise, doch die dicke Paste mal mit Wasser zu verdünnen, damit alles besser fließt. Man glaubt kaum, welchen Effekt sowas auf die Patienten haben kann. Die „Kreativen Medien“ Gruppe arbeitet eben auch mit therapeutisch dosierter Labilisierung. Sie möchte durch Interventionen alte, gewohnte, aber ungesunde Prägungen aufweichen, aufheben. Sozusagen durch „sensible Chaotisierung“ hin, zu einer Offenheit für Neues.

Was ist der Unterschied der Gruppe „Kreative Medien“ zur Kunsttherapie? Für wen ist welche Form geeignet?

Die Kunsttherapie in der Parkklinik arbeitet auch mit Zeichnung, Malerei und Plastik. Sie arbeitet mit herkömmlichen bildnerischen Mitteln. Aber sie ist als therapeutisches Angebot eher für Menschen geeignet, die über eine sicherere „innere Struktur“ verfügen. So können sich diese Menschen eher und leichter gegenüber „aufdeckenden Verfahren“ öffnen. In der aufdeckenden Kunsttherapie geht es darum, sich zunächst mit den lang entstandenen psychischen Konflikten, die dann zur psychosomatischen Erkrankung führten, direkter auseinanderzusetzen. Das noch Ungelöste kann auch der eigene „Schatten“ genannt werden. So ist dieses Angebot auch weniger angeleitet, vollzieht sich eher individuell.

In vielfältigen Übungen kann diese Selbstbegegnung stattfinden und über das Malen eine langsame Korrektur oder Veränderung erfahren. Das ist oft schmerzvoll, oft begleitet von Wut oder Trauer. Jenseits der Sprache dem einen Ausdruck zu geben kann sehr entlastend, und befreiend sein.

Wie verändern sich die Patienten im Malprozess?

Im individuellen Prozess klärt und lichtet sich viel über die Bilder. Ich kann das wunderbarerweise auf den Gesichtern der Menschen sehen. Es kann auch bedeuten, sich sehr intim, durch innere Widerstände, die bisher vermieden oder negiert wurden, hindurchzuarbeiten. Am Ende dieses kreativen Prozesses taucht dann oftmals Kraft, zarte Bestimmtheit, oftmals Schönheit auf.

Als Therapeut begleite ich den Patienten in seinem Prozess. Diese Beziehung ist wichtig, weil er/sie dann auf meine therapeutische Erfahrung im Umgang mit bildnerischen Mitteln vertrauen kann. Entscheidender wird aber noch sein: Ob und wie in der Malerei eine Veränderung oder Entwicklung erlebbar wird? In diesem „Modell-Prozess“ können die Menschen sehr tiefend in eine Heilung, in ein „Wieder-Ganz-Werden“ hineingelangen.

So ist es, meines Erachtens, für jeden Patienten sinnvoll, sich in kreativtherapeutische Angebote zu begeben. Ob das nun die Malerei oder Skulptur ist, oder ob es nicht eher eine Behandlung über die tänzerische Bewegung zur Musik und Rhythmus braucht, wird ja immer mit dem Bezugstherapeuten abgestimmt. Das sichert seine Kontinuität im jeweiligen Prozess. Es ermöglicht dann aber auch einen berechtigten Wechsel.

Was bringt das Erlebte und Erlernte für die Patienten nach dem Aufenthalt?

Das lässt sich nicht einfach und kurz beantworten. Eine psychosomatische Behandlung ist ja keine eindimensionale Veranstaltung. Hier spielen viele Erlebnisse, Begegnungen, Wirkungen zusammen.

Wertvoll ist wohl, dass man als Patient die Prozesse, die während der Therapie vollzogen wurden, nachhaltig in sein Leben integriert. Das heißt: Man sollte sich selbst weiter erlauben in einer Heilung zu sein. Und das ist ja nach dem Aufenthalt in den Heiligenfeld Kliniken nicht zu Ende. Es holt die Menschen doch in ihren manchmal schwierigen Liebesbeziehungen und Arbeitsbedingungen wieder ein. Dann darum zu wissen, zu erinnern, welche Formen und Inhalte, welche Strukturen und Elemente tragen, wäre wohl wichtig.

Wenn blaue Farbflecken und „völlig unmögliche Bilder“ dazu ihren Beitrag leisten können, wäre viel gewonnen.

Die „Kreativen Medien“ als Gruppenangebot der Parkklinik ist eben nicht nur auf die Bearbeitung von Pathologie gerichtet. Es zielt immer auf den „ganzen Menschen“. Es möchte uns auch in den gesunden, geglückten, liebevollen Anteilen spürbar und ausdrückbar werden lassen. So hoffe ich, die Menschen werden wieder reicher!

Vielen Dank für das Gespräch!

Nachfolgend finden Sie eine Slideshow aus Bildern, die in der Therapiegruppe „Kreative Medien“ entstanden sind.

Nachfolgend finden Sie eine Slideshow aus Bildern, die während Kunstprojekten entstanden sind.

 

Veranstaltungstipp der Akademie Heiligenfeld

Seminar „Über Bilder und Heilrituale das Unaussprechbare integrieren“

Datum/Zeit
Termin: 25.05.18 – 27.05.18
Uhrzeit: 17:45 – 12:30

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Kathrin Schmitt

Kathrin Schmitt

Kathrin Schmitt ist Kommunikationsmanagerin und seit 2009 bei den Heiligenfeld Kliniken unter anderem für den HeiligenfeldBLOG verantwortlich. Schreiben gehört zu ihren größten Leidenschaften.

1 Kommentar


  1. Gute, informative, interessante und komplexe Antworten!

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