Psychotherapie und Beziehungen

couple-1210023So vielgestaltig psychische Erkrankungen sein können, so ähnlich sind oft die damit einhergehenden Auswirkungen: Der Betroffene leidet darunter, erlebt teils massive Einschränkungen seiner Funktions- und Leistungsfähigkeit, seiner Lebensqualität insgesamt. Die Depression als häufigste psychische Erkrankung etwa bewirkt eine tiefgreifende Veränderung des Handelns, des Denkens und des Fühlens, mit deutlichen Folgen auch auf soziale Beziehungen, auf den Kontakt zu Freunden, Kollegen, Familienmitgliedern, und selbstverständlich auch gegenüber dem Partner. So kann die psychische Erkrankung im schlimmsten Fall zu einer „Zerreißprobe“ für die Beziehung werden. Entschließt sich der Betroffene dazu, eine Psychotherapie zu beginnen, entweder ambulant oder auch stationär, dann in der Hoffnung auf eine Linderung der Beschwerden und eine generelle Besserung des Befindens. Es bestehen Erwartungen an die Wirksamkeit der Therapie, an das Behandlungsergebnis und an die Zeit danach, und zwar sowohl beim Ratsuchenden als auch bei seinen Angehörigen. Doch was passiert, wenn diese Erwartungen nicht erfüllt werden? Gemeint ist hier nicht die mangelnde Wirksamkeit des Therapieverfahrens, sondern die Tatsache, dass der Betroffene im Verlauf der Therapie mehr und mehr die Haltung entwickeln kann, etwas in seinem Leben verändern zu wollen, entweder im Kleinen oder aber auch in Form einer grundlegenden Veränderung. Dies kann sich beispielsweise darauf beziehen, die Arbeitsstelle zu wechseln, den bisherigen Wohnort zu verlassen oder aber auch, für die aktuelle Partnerschaft keine Zukunft mehr zu sehen. Für Außenstehende sind solche Wünsche nach Veränderung manchmal nur schwer nachvollziehbar.

Grundlegend kann gesagt werden: Psychotherapie will Veränderung. Der Ratsuchende, der sich zu einer Behandlung entschließt, erlebt sich vielleicht als überfordert, erschöpft, mitunter auch „gefangen“ oder blockiert. Oft führt die psychische Erkrankung dazu, dass der Betroffene sich lust- und antriebslos fühlt, angstvoll, traurig bis verzweifelt, hilf- und hoffnungslos. Die Erkrankung hat sein Leben mehr oder minder „im Griff“, wirkt sich auf viele Bereiche aus, führt zu massiven Selbstwertkrisen und beeinträchtigt darüber hinaus auch die zwischenmenschlichen Beziehungen, in die der Betroffene eingebunden ist.

Das Umfeld reagiert selbst hilflos und überfordert, oft nach einer Phase der verstärkten Zuwendung, der Unterstützung und des „Gut-Zuredens“, die doch nichts gebracht hat, dem Betroffenen nicht geholfen hat, seine Probleme hinter sich zu lassen. Steht dann eine Psychotherapie in Aussicht, so geht hiermit oftmals eine gewisse Erleichterung einher. Und bei den Angehörigen, bei den Freunden und Bekannten entsteht die Hoffnung, den Betroffenen bald wieder so zu erleben, „wie er vorher war“. Dass dies jedoch eine Erwartung ist, die oftmals nicht vollständig erfüllt wird, wird unter anderem aus dem Erstgesagten heraus verständlich, denn: Therapie will Veränderung.

In der Therapie geht es darum, dem Ratsuchenden zu einem besseren Selbstverständnis zu verhelfen: Warum verhalte ich mich so, wie ich mich verhalte? Was möchte ich mit diesem Verhalten erreichen? Therapie dient der Selbsterkenntnis. Sie soll den Betroffenen darin unterstützen, einen bewussteren Blick auf sich selbst, auf eigene Gefühle und Bedürfnisse, auf die eigene Lebensführung und Lebensgestaltung zu entwickeln. Und es geht auch um die Frage nach den Einflussfaktoren auf die Erkrankung, um die Auseinandersetzung mit Belastungen, mit bestehenden Konflikten und darum, wie nach dem Abschluss der Therapie eine möglichst langfristige Besserung der Befindlichkeit erreicht werden kann.

Beziehungen im Allgemeinen und Partnerschaften im Besonderen können hier von beiden Seiten betrachtet werden. Intakte Beziehungen können gesundheitsförderlich wirken – die Erkrankung verläuft im Vergleich oft weniger schwerwiegend und ist von kürzerer Dauer. Umgekehrt können zwischenmenschliche Probleme und hier vor allem partnerschaftliche Schwierigkeiten aufgrund der Nähe des Kontakts einen nachteiligen Einfluss haben, mitunter sogar die Beschwerden des Betroffenen (mit)bewirken oder zumindest aufrechterhalten.

Manchmal erkennt der Ratsuchende im Verlauf der Therapie, dass eine Veränderung allein seines Verhaltens nicht ausreicht, um langfristig gesund zu bleiben. Soziale Beziehungen und Systeme besitzen „Selbsterhaltungskräfte“: Langfristig eingeschliffene Verhaltensmuster widersetzen sich einer Veränderung, was umso deutlicher zu spüren sein kann, wenn die Psychotherapie nicht ambulant, sondern stationär durchgeführt wurde. Denn während bei einer ambulanten Therapie zwischen den Gesprächskontakten mit dem Therapeuten die Rückkehr in den Alltag erfolgt, bedeutet die Krankenhausbehandlung eine längerfristige Distanzierung vom häuslichen Umfeld, mit der Möglichkeit, aus diesem Abstand heraus den Alltag in all seinen Facetten zu betrachten und zu beleuchten.

Hier mag dem Ratsuchenden dann bewusster werden, wie sich bestimmte Strukturen, Verhaltensgewohnheiten, Kommunikations- und Konfliktmuster in Beziehungen auf das Befinden aller Beteiligten auswirken, und inwieweit der sich in Behandlung Befindende durch diese Gewohnheiten möglicherweise auch an einer aktiven, freien und bedürfnisgerechten Lebensführung gehindert wird.

In den Heiligenfeld Kliniken betrachten wir unsere Patienten als mündige Mitmenschen, die darin unterstützt und bestärkt werden, Verantwortung für sich und für ihr Leben zu übernehmen. Angestrebt wird eine Begegnung auf Augenhöhe, in der sich die Therapeuten mit ihrer professionellen Ausbildung genauso einbringen wie mit ihren eigenen Lebenswegen und ihren persönlichen Erfahrungen. Die Patienten werden im Rahmen eines integrativen Therapieprozesses dahingehend gefördert, eigene Ressourcen (wieder) zu entdecken, Vertrauen aufzubauen und eine Bewusstheit für eigene Bedürfnisse zu entwickeln. Dies bedeutet auch, sich selbst klarer darüber zu werden, was jeder einzelne Mensch ganz individuell als sinnhaft und erfüllend erlebt, wie er sein Leben gestalten möchte. Psychotherapie kann auch bedeuten, das Bisherige und Gewohnte aus einem veränderten Blickwinkel heraus zu betrachten, es zu hinterfragen und zu überprüfen: Wer oder was tut mir gut? Wo erkenne ich Schwierigkeiten oder Probleme? In welchem Bereich kann ich etwas verändern? In welchem Bereich möchte ich etwas verändern?

Sollten bei dieser „kritischen Bestandsaufnahme“ auch partnerschaftliche Probleme deutlich werden, empfehlen sich Gespräche zu Dritt, in denen zusammen mit dem Therapeuten Erwartungen und Hoffnungen, aber ebenso auch Ängste und Sorgen besprochen werden können. Der Lebenspartner wird in die Therapie miteinbezogen, was in den Heiligenfeld Kliniken in unterschiedlicher Form geschehen kann: Entweder durch gemeinsame Gespräche mit dem zuständigen Bezugstherapeuten, im Rahmen der regelmäßig stattfindenden Angehörigentage in allen Häusern oder auch speziell durch das Konzept der Paartherapie in der Parkklinik Heiligenfeld. Die Heiligenfeld Klinik in Waldmünchen bietet darüber hinaus eine familientherapeutische Herangehensweise.

Den Lebenspartner miteinzubeziehen kann letztlich darin unterstützen, als Paar nach der Therapie in ein neues Gleichgewicht zu kommen, sofern beide bereit sind, Zeit und Energie zu investieren.

Ihnen gefällt dieser Beitrag? Dann freuen wir uns über eine Empfehlung in Ihr soziales Netzwerk!

The following two tabs change content below.
René Greiner

René Greiner

René Greiner ist als Diplompsychologe in der Marketingabteilung der Heiligenfeld Kliniken. Er ist zuständig für die Koordination der Zusammenarbeit mit den Psychotherapeuten und Ärzten der Klinik und für die fachspezifische Bearbeitung von Texten. Zuvor war er lange als Psychologe in der Parkklinik Heiligenfeld tätig.

6 Kommentare


  1. Leben und Lebendig-Sein ist Veränderung. Am Besten ist dieses noch bei Kindern zu beobachten. Je älter der Mensch wird, um so größer bei manchen die Angst vor Veränderung und damit vor dem bewussten und zu hinterfragenden Leben.
    Eingeschliffene Verhaltensmuster zeugen von Erstarrung und damit von einem vorgezogenen, schleichenden psychischen Tod, da nicht mehr Lebendig-Sein die entscheidende Rolle spielt.
    Vertrauen in das Leben und in sein Schicksal hilft, immer wieder Neues auszuprobieren, um seine Lebens-Bedürfnisse zu erkunden, Neues zu entdecken, JA ZUM LEBEN, zur Veränderung zu sagen.
    Bereitschaft zur Veränderung setzt eine Auseinandersetzung und In-Frage-Stellung des Jetzt-Zustandes voraus-das aber erfordert Zeit und Engagement und immer wieder die Reduktion auf das Wesentliche.

    Antworten

  2. Hier ist es wirklich von größter Wichtigkeit, dass der Jenige mit „Problemen“, überhaupt Hilfe/Unterstützung zulässt. Viele haben sich schon selber so aufgegeben, dass ihre ganzen Gedanken &Gefühle, sich nur noch auf ALLES Negative konzentrieren.

    Man kann dann nur hoffen, dass man noch einen Zugang zum Menschen findet und mit ihm zusammen, den Weg zur Heilung gehen kann.

    Ich wünsche ALLEN Menschen, die „Probleme“ haben, Heilung zu finden. BITTE lasst die Hilfe auch zu!

    Beste Grüße aus Berlin

    Michael | Mental-und Praxistrainer

    Antworten

  3. Hallo Michael,

    Deinen Kommentar finde ich sehr gut. Gleichzeitig möchte ich Dir als Betroffene aber rückmelden, dass es ja oft auch gerade das Thema ist, Vertrauen zu lernen. Und das ist leider gar nicht so einfach..

    ich bin schon seit 4 Jahren in Therapie und war 2013 in Heiligenfeld.
    Ich möchte mir gerne helfen lassen. Doch kommt mir jemand zu nah, gehen meine ganzen alten Erfahrungen los,
    ich habe Bindungsangst…
    Dazu kommt dass in meiner eigenen Familie und der Familie meiner Mutter ganz viele Dinge passiert sind, die ich nicht verarbeiten konnte oder wo ich Verantwortung für Dinge übernommen habe, die gar nicht meine ist.
    Nach 3 Jahren Sortieren und einem Jobwechsel bin ich jetzt soweit, dass ich bei mir und meinen Themen angekommen bin: Meine Mutter ist selbst schwerst mehrfach traumatisiert und so konnte ich daher schon als ich klein war keine sichere Bindung aufbauen.

    Das ist auch heute noch so. Wenn es mir schlecht geht, traue ich mich nicht mich zuzumuten und versuche wie früher mich zu verstecken und allesmit mir alleine auszumachen. Alleine bin ich überfordert und bekomme oft innere Panikgefühle, bei meinen Therapeuten brauche ich oft lange Zeit (oft Wochen) bis ich sagen kann wenn mich etwas stört oder zeigen kann, wie es mir wirklich geht.

    Ich habe einfach Angst wieder ausgenutzt zu werden wie früher und mittlerweile auch vor Zurückweisung, weil ich nie erfahren habe wie meine „Schattenseite“ ankommt. Mein Kopf weiß, dass es heute nicht wie früher ist, und ich mich zumuten darf aber mein emotionales Gedächtnis lässt sich davon nicht so schnell überzeugen.

    Kurz gesagt: guter Einwand, doch als Betroffener ist das eben ein langer Weg vom Kopf bis zum Herzen und braucht bei mir viel Unterstützung, Geduld, Humor und Liebe.

    Antworten

  4. Mein Mann kam vor wenigen Wochen, nach 6 Wochen zurück nach Hause.
    Jetzt ist nichts mehr wie es war. Die Familie ist zerbrochen. Unser Leben ein Scherbenhaufen. Ich habe mehrfach darum gebeten, miteinbezogen zu werden und wäre dies erfolgt und unterstützt worden, hätte das viel Schmerz und Fassungslosigkeit, Ohnmacht und Existenzielle Not, verhindern können.

    Antworten
    1. René Greiner

      Sehr geehrte Kommentatorin,

      auf das, was Sie beschreiben, eine angemessene Antwort zu finden, ist nicht leicht. Dass Sie von „existenzieller Not“ sprechen, macht deutlich, welche Veränderungen Sie gerade durchmachen, alleine und zusammen mit Ihrem Partner. Prozesse, die durch eine Psychotherapie angestoßen werden können, sind bestenfalls zum Wohle aller Beteiligten. Manchmal allerdings werden auch Wege eröffnet, die für den einen absolut richtig und wichtig erscheinen, jedoch vielleicht nur für ihn, während die anderen dies nicht verstehen können. Vielleicht könnte eine solch „drastische“ Veränderung, wie Sie sie aktuell erleben, durch ein regelmäßiges Einbeziehen des Partners in die Therapie verhindert werden. Aber nur vielleicht. Ich weiß nicht um die Hintergründe, weshalb Sie trotz mehrfachen Bittens nicht in die therapeutische Arbeit mit einbezogen wurden. Aber ich hoffe, dass Sie in der aktuellen Situation jemanden haben, an den Sie sich wenden können, um mit all dem nicht allein zu sein. Und vielleicht ist auch Ihr Mann zu einem Dialog unter therapeutischer Begleitung bereit. Wahrscheinlich gibt es zur aktuellen Krise eine Vorgeschichte, die aufzuarbeiten Ihnen beiden helfen mag und es vielleicht möglich macht, sich wieder versöhnlicher zu begegnen.

      Antworten

      1. Das ist genau das, was ich generell an Psychotherapie kritisiere. Der Patient soll sich dem Therapeuten unbedingt öffnen, und er bzw. seine Angehörigen können dann nachher sehen wie sie mit den Nebenwirkungen zurecht kommen. Da auf einmal wird die alleinige Verantwortung dem Patienten zugeschoben. Soweit ich weiß bekommt die Ehefrau nicht von jetzt auf gleich eine psychologische Hilfe. Auf einen Therapiepaltz wartet man in Deutschland mind. 3 bis 6 Monate.

        Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.