„Schule soll ein Ort des WOHL-Befindens sein“ – Interview mit Otto Herz

SchuleAm 9. März 2016 findet das Symposium „MITeinander in der Schule“ der Akademie Heiligenfeld statt. Der Referent Otto Herz (Reformpädagoge, Psychologe, Autor, ehem. Bundesvorsitzender der gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule) hat uns erklärt, was für ihn gesunde Schule bedeutet und wie die Schule der Zukunft aussehen könnte. In einem weiteren Interview hat Gesundheitsreferent Andreas Dorsch bereits beschrieben, warum seiner Meinung nach „MITeinander in der Schule“ wichtig ist. Herr Herz, Sie setzen sich für eine gesunde Schule ein. Wo sehen Sie zur Zeit die Brennpunkte? Die Schule ist für mich eine Verständigungs- und Verantwortungsgemeinschaft von mindestens vier Partnern, die alle gleich-wertig und gleich-würdig sind, wenn auch ungleich-artig. Diese vier Partner sind:

  • die Kinder und Jugendlichen,
  • ihre Eltern, so genannte „Laienpädagogen“,
  • die Professionellen Pädagogen in multiprofessionellen Teams
  • und die Partner im Gemeinwesen: lokal, regional, global.

Eine GESUNDE Schule ist die, die die GESUNDHEIT ALLER dieser gleich-wertigen und gleich-würdigen Partner – in ihrem jeweiligen, meist komplexen LEBENS-Umfeld – im Blick hat. Dieser Blick auf alle Partner in ihrem LEBENs-Umfeld muss schon deswegen sein, weil die Gesundheit der einen stets immer von der Gesundheit abhängig ist und diese mitbedingt. GESUNDHEIT ist mehr als die Abwesenheit von konkreten Krankheiten. In meinem Schulverständnis ist die Schule ein salutogenetischer Ort: ein Ort, das WOHL – im ganzheitlichen Sinne: „Kopf, Herz und Hand“, aber auch Seele – zu finden. Die Schule soll also ein Ort des WOHL-Befindens sein. Mir geht es um eine gesundheitsfördernde Schule. Es reicht nicht, sich mit Gesundheit – selbst wenn es ein entsprechendes Schul-Fach gäbe – in der Schule zu beschäftigen. Der zentrale Brennpunkt der un-gesunden Schule ist, dass die Frage des WOHL-Befindens Aller in Gegenseitigkeit und Wechselwirkung viel zu selten gestellt wird, viel zu oft aus dem Blick gerät, viel zu oft verdrängt wird, viel zu oft belächelt bis verunglimpft wird. Auch wenn es nicht mehr so oft ausdrücklich gesagt wird: „gelobt sei, was hart macht“ bestimmt noch immer in vielerlei Weise die schulische Agenda: in der Schule und um die Schule herum. So kommt es, dass dann die subjektiven Empfindungen in Übereinstimmung mit vielen objektiven Befunden zu den Schlag-Zeilen führen: „Die Schule macht die Kinder krank!“ „Die Schule macht die Eltern krank!“ „Die Schule macht die Lehrer krank!“ Summarum: „Die Schule ist krank!“ Eine kranke Institution in einer kranken Gesellschaft. Klar, dass sich Debatten führen lassen, ob und ggfs. wie viel falsche Generalisierung in diesen Sätzen steckt, wie sehr – und in welchem Interesse – sich Sensationslust plakative Wirkung sucht. Wie kommt es zur – holistisch verstandenen – GESUNDUNG unseres Lebens: auch dank und durch die Schule? Die Frage: „Geht es mir, geht es Dir und geht es uns gemeinsam – hier und anderswo – zumindest im Prinzip, zumindest im Grundsatz, zumindest überwiegend: GUT?“ (und warum ggfs. nicht???) Diese Frage ist für alle Schul-Entwicklung die entscheidende, sie ist die allumfassende Ausgangs- und Ziel-Frage, auf die das Denken und Handeln ausgerichtet sein soll(te). Die Suche nach je geeigneten, nach je passenden Antworten für die Vielfalt der Individualitäten, die mit Schule zu tun haben und die als WIR insgesamt die Schule konstituieren, diese Suche ist die entscheidende Schul-Arbeit. Eine ARBEIT, die FREUDE bereitet – und SINN stiftet. Eine ARBEIT, die, weil sie SINN stiftet, Freude bereitet. Die GESUNDE Schule und die GESUNDUNG in und durch die Schule gelingt nur in einem bewussten MITeinander, im Verstehen, im Vertrauen, im sich Verbinden. Sie sprechen vom „A-B-C der guten Schule“.  Welche „Buchstaben“ sind dabei für Sie am wichtigsten? Die Gesunde Schule ist ein Gesamt-Kunst-Werk. Im Gesamt-Kunst-Werk ist das GANZE mehr als die Summe seiner Teile. Was mein „A-B-C der guten Schule“ wirklich auszeichnet, ist die Phil-Harmonie der 26 Buchstaben, die das Alphabet – in der deutschen Sprache – umfasst. Am wichtigsten ist mir also zunächst, dass ich auf die Botschaft keines einzigen Buchstabens verzichten möchte. Mir am wichtigsten sind einmal der erste und der letzte Buchstabe des A-B-C, mein Alpha und Omega, das A und das Z: Nicht nur, weil sie das Gesamt-Kunst-Werk einrahmen, weil sie dem Gesamt-Kunst-Werk tragende Stützpfeiler sind, weil ein Anfang und ein Ende immer von herausgehobener Bedeutung ist, allem, was sich zwischen Anfang und Ende ereignet, bewegt, die Grund-Tönung, die Grund-Stimmung, die Grund-Lage mit auf den Weg gibt, sondern auch und insbesondere wegen der jeweiligen Inhalte, wegen der konkreten Botschaften:

A   Eine Atmosphäre der Achtung, der Anerkennung und der Akzeptanz aufbauen. Eine Schule ist keine GESUNDE, sie kann keine GESUNDE sein,in der nicht der Anspruch besteht, dass Achtung, Anerkennung, Akzeptanz in allen Alltagen sich für Alle an- und ausdauernd ausbreitet und ausweitet.

Z   Zufriedenheit zeigen und Zuversicht immer wieder zutrauen und zuMUTen Je subtiler die individuell menschlichen, je komplexer die sachlichen und die sozialen, je wirrer und verwirrender gerade auch die welt-politischen Herausforderungen sind, und wahr-lich, wahr-lich, wahr-lich, gerade diese welt-politischen Herausforderungen sind ja sooo GEWALTig groß, dass sie viele, viele Anlässe und viele, viele Gründe liefern, um depressiv zu werden, um von existentieller Angst umgetrieben zu sein u. v. a. m., umso mehr dies alles zutrifft, umso mehr uns das – zwar unterschied-lich intensiv, dennoch aber doch ‚irgendwie‘ nahezu alle betrifft, umso mehr brauchen wir die Zuversicht, dass wir diesen Herausforderungen gerecht werden können, wenn wir es je individuell und – noch erfolgreicher – wenn wir es gemeinsam entschieden wollen.

Wenn Sie mich zudem nach meinen „Lieblingen“ unter den Buchstaben fragen, dann sind das:

* das F: sich fehler-freundlich fair-halten * das Q: sich mit der Qualität des Querdenkens quälen * X / Y: die beiden „Chromosomen“ finden sich auf einer

Karte zusammen – es ist ja die einzige Karte, auf der 2 Buchstaben zu finden sind, weil sie – um der wechselseitigen Befruchtung willen – einfach zusammengehören, lust-voll zusammen sein wollen. Wie sieht Ihrer Meinung nach Schule in der Zukunft aus? Das BUCH auf Ihre Frage sollte ich noch schreiben. Kurz und kühn gebe ich zunächst eine doppelte Antwort, wobei beide Perspektiven zusammengehören, sich ergänzen, aufeinander angewiesen sind: Die allgemeine öffentliche Pflicht- und bürokratisch verwaltete Verpflichtungs-Schule wird es alsbald nicht mehr geben. Denn das Wissen und das Können der Schatzhäuser der Welt steht uns Allen heute allüberall – nahezu kostenfrei und leicht abrufbar dank technischer Wunder-Mittel! – zur Verfügung. Ich nenne jetzt hier nur das Stichwort der unumkehrbaren, in ihrer Reichweite und Weiterentwicklung aber wohl eher noch gar nicht zu überschauenden Digitalisierung aller Lebensbereiche. Kritik hin, Kritik her. Meine positive Prognose heißt: Wir werden uns statt dessen – frei und willig – in selbst-bestimmten, in selbst-organisierten, in inter-kulturellen, in inter-generativen, in inter-professionellen Lern- und Lebens-Zirkeln an selbst gewählten Denk-, Lern-, Tätigkeits-, Entspannungs-, Erprobungs- und Entscheidungs-Orten zusammen finden; dann, wenn wir es jeweils wollen, um dialogisch und diskursiv, auch demonstrativ, hoffentlich eher inklusiv als exklusiv, den Fragen nachzuspüren, die für uns dann – im Rück- und im Voraus-Blick – von besonderer Bedeutung sind … Es werden – in komplementärer Weise – mehr und mehr einem heilendem Leben nach-spürende und voraus-gehende Lern-Klöster entstehen: Orte des Rückzugs, Orte gemein-schaftlicher Einsamkeit, Orte einsamkeitsüberwindender Gemeinsamkeit, Orte der Ruhe, Orte der Muse – was ja Schule übersetzt einmal hieß – Orte der Tat, Orte, an denen wir wagen, uns den Fragen auszusetzen, die nach Antwort rufen, ja, bisweilen nach Antwort schreien in einer Welt der Hektik, hybrider Hemmungslosigkeit, in einer Welt des grassierenden Wahn-Sinns, einer Welt des Zuviel an Wahns und des Zuwenig an Sinn. ZUM ABSCHLUSS: Und wie immer auch die Zukunft der Schule aussehen möge, ich wünsche mir, dass die gegenwartsbezogene Zukunfts-Schule und die zukünftige Gegenwart von Schule geerdet sein wird, dass sie zum Fundament haben wird die nachfolgenden GRUND-SÄTZE. Denn wenn diese GRUND-SÄTZE die Wurzeln der Schule sind, wird die Schule uns beflügeln, sie wird uns zur Freiheit befreien – im Geiste von HUMANITÄT und SOLIDARITÄT.

Symposium „MITeinander in der Schule“ am 9. März 2016

Verstehen – Vertrauen – Verbinden Mit diesem Thema gehen wir im Besonderen auf das soziale Miteinander und die Wirkung auf die gesamte Schule ein. Aus der Schulentwicklungsforschung gibt es zahlreiche Beiträge zur Herausforderung und zum Nutzen von Teamarbeit im Lehrerberuf. Neben Vorträgen von Margret Rasfeld (Mitbegründerin der Initiative Schule im Aufbruch) und Otto Herz (Reformpädagoge, Psychologe, Philosoph, Theologe und Autor) wird es verschiedene Workshops und Zeit für Diskussionen Fühlen Sie sich herzlich willkommen in einer vertrauensvollen Atmosphäre! Teilnahmegebühr: 45 € pro Person inkl. Verpflegung – Wir empfehlen eine frühzeitige Buchung, da die Teilnehmerzahl begrenzt ist. Nähere Informationen zum Programm sowie zur Anmeldung erhalten Sie auf der Internetseite der Akademie Heiligenfeld oder unter Tel. 0971 84-4600. Programm des Symposiums „MITeinander in der Schule“: Lehrer_Symposium_Akademie_Heiligenfeld  

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Sophie Ritter

Sophie Ritter

Sophie Ritter ist Medienmanagerin (FH) und in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Heiligenfeld Kliniken sowie im Bereich Social Media tätig. Weitere Informationen zu den einzelnen Autoren finden Sie auch unter dem Menüpunkt "Über den Blog und seine Autoren".

1 Kommentar


  1. sehr interessante Antworten! Mir gefällt besonders die Erklärung des Alpha und Omega, aber auch die Idee der LERN-KLÖSTER – daran sollten wir alle in unseren Bereichen mitgestalten, um wieder den Weg zum Wesentlichen zu ebnen.

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