30 Jahre deutsche Einheit – Psychische Spätfolgen eines historischen Ereignisses

30 Jahre deutsche Einheit – Psychische Spätfolgen eines historischen Ereignisses
Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer. Was die allermeisten noch wenige Wochen zuvor für unvorstellbar und völlig abwegig gehalten hatten, war plötzlich Realität: Deutschland wiedervereint!

Eine Nacht, die viele Leben veränderte

Heute, 30 Jahre später, blicken wir auf dieses Weltereignis auch mit dem Wissen um die Herausforderungen, die es mit sich brachte, die Schwierigkeiten und Probleme für ein ganzes Volk – Millionen von Menschen mit ihren individuellen Lebensläufen vor und nach dem Mauerfall. Damals jedoch, am Abend des 9. November 1989, dominierte Euphorie, Unglaube und schlichtweg überwältigende Freude – im wahrsten Sinne grenzenlos.

Die Generation der Wiedervereinigung

Ich selbst wurde 1983 in Thüringen geboren, meinen ersten Schultag hatte ich im Jahr 1990. Entsprechend gering war mein politisches Interesse und Verständnis für die Entwicklungen und Prozesse, die sich in den letzten Monaten des DDR-Regimes abspielten. Heute, in 2019, spüre ich in mir eine tiefe Bewunderung und Dankbarkeit für all die Menschen, die vor drei Jahrzehnten für die Freiheit kämpften – für ihre eigene und für die aller anderen. Auch für meine!

Freiheit – ein kostbares Gut

Freiheit ist selbstverständlich ein großes Wort, mit ganz unterschiedlichen Facetten. Grob unterschieden werden kann zwischen äußerer und innerer Freiheit. Der deutsche Reisepass zählt heute zu den stärksten der Welt. In über 160 Länder können deutsche Staatsbürger ohne Visum einreisen, in der DDR hingegen galt ein Ausreiseantrag als „Rechtswidriges Übersiedlungsersuchen“. Innere Freiheit – Freiheit der Gedanken, Meinungen, Überzeugungen, Ziele und Ideale – ist uns Menschen in Fleisch und Blut, gibt uns Sinn, Lebendigkeit und Motivation. Und in der DDR? Die Partei hat immer Recht!?

Wie uns das Wegbrechen von Strukturen überfordern kann

Nach dem Mauerfall änderte sich das Leben der ehemaligen DDR-Bürger radikal. Die neu erlangte Freiheit, aber damit verbunden auch die Unsicherheit und das Wegbrechen bisher vertrauter Strukturen muss als massiver Einschnitt verstanden werden, als im absoluten Sinne historisches Ereignis. In den Wochen und Monaten nach dem Mauerfall und dem Ende des sozialistischen Regimes trat mehr und mehr die neue Lebensrealität in ihrer nüchternen Form in den Vordergrund – für viele in einem Ausmaß der Überforderung.

Veränderung und Anpassung

Wieviel Veränderung kann ein Mensch verkraften? Oder anders gefragt: Wann stößt Anpassungsvermögen an seine Grenzen? Und wie reagieren Menschen auf Umwälzungen, die massiv sind und ihr Leben in ein „vorher“ und „nachher“ teilen? Selbstverständlich erlaubt diese Frage ein Verständnis in beide Richtungen, d. h. die Art der Veränderung spielt bei dieser Formulierung zunächst keine Rolle. Ein Lottogewinn oder die Geburt eines Kindes können in ihrer „Wucht“ genauso immens sein wie der plötzliche Verlust des Arbeitsplatzes oder die Diagnose einer schweren Krankheit. Der Fall des „eisernen Vorhangs“ eröffnete den Bürgern der ehemaligen DDR neue Möglichkeiten und Chancen, führte aber ebenso auch zu Risiken und – je nach individueller Lebenssituation – Umbrüchen, die mitunter existenziell waren.

Vom Kulturschock zur Posttraumatischen Verbitterung

Für manche von ihnen waren die Veränderungen zu groß, zu fundamental. Nicht nur die äußere Realität änderte sich; vielmehr kam es zu einer grundlegenden Umwälzung durch den Regimewechsel, der bisherige Orientierungen und Maßstäbe vielfach ungültig werden ließ. Marion Sonnenmoser schrieb dazu in einem Artikel für das „Deutsche Ärzteblatt“ von „… massive[n] Anpassungsschwierigkeiten im Sinne eines Kulturschocks. Die Wende und damit die Anpassung an die postmoderne Kultur des Westens wurde von vielen DDR-Bürgern nicht verkraftet“ (S. 74). [1] Und Michael Linden von der Berliner Charité beschrieb in diesem Zusammenhang die sog. „Posttraumatische Verbitterungsstörung“, als eine psychische Reaktion insbesondere auf das Erleben von Ungerechtigkeit und Kränkung. [2] Selbstverständlich handelt es sich hierbei um ein Krankheitsbild, das nicht ausschließlich bei Bürgern der ehemaligen DDR zu beobachten ist; jedoch waren diese in besonderem Maße mit Umständen konfrontiert, die als Risikofaktoren für eine pathologische Verbitterungsreaktion gelten können. Mit der deutschen Wiedervereinigung hörte die DDR faktisch auf zu existieren, und es vollzog sich ein „… Wechsel vom Überwachungs- und Betreuungsstaat, von Unmündigkeit, Versorgungsmentalität, Kollektivorientierung und Lokalismus hin zur Ichbezogenheit, Leistungsorientierung, Konsumanspruch und Kosmopolitismus…“ (S. 74). [1] Nach Michael Linden stellt vor allem die Verletzung grundlegender Werte, nach denen Menschen ihr Leben ausrichten, für die Posttraumatische Verbitterungsstörung einen kritischen Faktor dar. [3]

Kontrollverlust: Auch eine Befreiung kann hilflos machen

Und auch die Tatsache, dass für viele der Regimewechsel ohne eigenes Zutun geschah, sozusagen als unkontrollierbares Ereignis von außen, kann dazu beitragen; gerade für diejenigen, die sich trotz aller Repressalien ein Leben im Arrangement mit der sozialistischen Diktatur aufgebaut hatten.

Radikale Lebensveränderungen und Einschnitte können jeden treffen. Und die Frage, wie jede und jeder Einzelne damit umgeht, ist zentral für die innere und äußere Balance. Ich selbst sehe die deutsche Wiedervereinigung als uneingeschränkt positives Ereignis, mit Blick auf mein bisheriges Leben in Freiheit und die Mutmaßungen, wie es hinter dem „eisernen Vorhang“ verlaufen wäre – in Unfreiheit. Herausforderungen gab es selbstverständlich dennoch, und aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass der Glaube an „etwas Größeres“ mir geholfen hat, mit diesen Herausforderungen besser umzugehen.

Wachstum durch Achtsamkeit

In der Psychotherapie spielen achtsamkeitsbasierte Methoden und Elemente bereits seit einiger Zeit eine immer größere Rolle, und die Frage nach dem Sinn hat durch Viktor Frankls „Logotherapie“ einen zentralen Platz innerhalb der therapeutischen Schulen erhalten. Radikale Umwälzungen und Lebenseinschnitte können dann leichter verwunden werden, wenn man es schafft, eine höhere Perspektive einzunehmen und vielleicht – Schritt für Schritt! – auch die eigenen Wachstumschancen zu erkennen, die eine solche Zäsur mit sich bringen kann.

 

Quellen:

[1] Sonnenmoser, M. (2003, Februar). Politische Traumatisierung in der DDR: Spätfolgen unübersehbar. Deutsches Ärzteblatt, 2, 73-74.

[2] Saab, K. (2018). Verbitterung fällt nicht vom Himmel. Märkische Allgemeine Online. Zugriff am 19.11.2019. https://www.maz-online.de/Nachrichten/Kultur/Michael-Linden-entdeckte-die-Posttraumatische-Verbitterungsstoerung

[3] Wimmer, M. (2003). Posttraumatische Verbitterungsstörung. Deutschlandfunk Online. Zugriff am 19.11.2019. https://www.deutschlandfunk.de/posttraumatische-verbitterungsstoerung.709.de.html?dram:article_id=86800

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René Greiner

René Greiner ist als Diplompsychologe in der Marketingabteilung der Heiligenfeld Kliniken. Er ist zuständig für die Koordination der Zusammenarbeit mit den Psychotherapeuten und Ärzten der Klinik und für die fachspezifische Bearbeitung von Texten. Zuvor war er lange als Psychologe in der Parkklinik Heiligenfeld tätig.

2 Kommentare


  1. Hmmmm, viel hätte ich dazu zu sagen, was diesen Rahmen hier sprengen würde und so beschränke ich mich auf etwas, was mit der Frauenrolle zu tun hat: Freiheit ist ein so wichtiges Gut…. Demokratie ohnehin. Aber während zu DDR -Zeiten die Berufstätigkeit einer Frau selbstverständlich war, da die Kinder entsprechend versorgt wurden, muss ich nun erleben, wie schwierig es ist, in gleichem Maße einem Beruf/einer Berufung nachgehen zu können, weil es nun an entsprechenden Versorgungseinrichtungen mangelt wie schon immer im Westen und was in den Medien nicht ausreichend thematisiert wird – ein immenser Rückschritt im Bereich der Gleichberechtigung, über die im Osten/in Ost-Europa nicht diskutiert werden musste, da sie gelebt wurde – ohne Verlust von Weiblichkeit.

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    1. Liebe Frau Heinrich,
      vielen Dank für Ihren Kommentar! Die Frauenrolle in Deutschland sowie die Problematik der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind zwei wichtige Themen, die man bzw. „frau“ zu Recht kritisch hinterfragen darf. Mit Sicherheit gibt es in Hinblick auf die Wiedervereinigung auch noch vieles mehr zu sagen von vielen unterschiedlichen Stimmen, die gehört werden wollen und sollen. Unser Autor bezieht sich in seinem Beitrag auf diejenigen psychischen Störungen und Krankheitsbilder, die für Betroffene eine direkte Folge der Wende sind, und lässt – ganz authentisch und ehrlich – seine eigenen Erfahrungen einfließen. Zweifellos ist damit nicht alles gesagt, deswegen danke ich Ihnen recht herzlich für Ihren wertvollen Input. Auch unsere Redaktion könnte zu dem Thema noch weitere Perspektiven einbringen, aber das würde – wie Sie es schon so treffend formuliert haben – den Rahmen dieses Artikels sprengen. Viele Grüße aus der Redaktion des HeiligenfeldBLOGs!

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