Achtsamkeit in der Schule – ein Interview mit Vera Kaltwasser

Achtsamkeit in der Schule - ein Interview mit Vera Kaltwasser

Vera Kaltwasser ist Gymnasiallehrerin, Theaterpädagogin, macht Lehrerfortbildungen, ist Autorin. Hat eine Ausbildung in QiGong, MBSR (Mindfulness-Based-Stress-Reduction, USA), Konzeptentwicklung und bietet Ausbildungen zu AISCHU (Achtsamkeit in der Schule) und zu Burn-Out-Prophylaxe. Wir haben sie zum Interview getroffen und mit ihr über Achtsamkeit in der Schule gesprochen.

Seit wie vielen Jahren beschäftigen Sie sich mit dem Thema Achtsamkeit in der Schule und aus welcher Motivation heraus?

Etwa seit zwölf Jahren, nachdem ich in USA bei Jon Kabat-Zinn die Ausbildung zum MBSR-Lehrer begonnen hatte und danach die Anschlussfähigkeit im schulischen Kontext auslotete indem ich nach Wegen suchte, wie – zunächst in der Weiterbildung der Lehrer/innen und dann im schulischen Unterricht- , das Potential der Achtsamkeit Raum bekommen könnte.

Die ersten Anfänge einer kontinuierlichen Achtsamkeitsarbeit im pädagogischen Kontext wurden von manchen skeptisch beäugt wurden, vor allem der körperorientierte Aspekt der Arbeit war neu: „Die Augen schließen und auf den Atem achten“.. – „Ist das nicht esoterisch oder Zeitverschwendung?“ In gewissem Sinne war es Pionierarbeit, hier zusammen mit Gleichgesinnten die Bedeutung der Achtsamkeit im Bildungskontext in konkrete Anwendungswege münden zu lassen. ( https://www.netzwerk-achtsamkeit-in-der-bildung.de/)

Die wissenschaftlichen Studien zur Achtsamkeit, vor allem zum MBSR-Format, haben geholfen, ein Verständnis für die Bedeutung der Körperorientierung für die Persönlichkeitsbildung zu schaffen.
Es freut mich, dass die gemeinsame Arbeit mit Kolleg/innen und Wissenschaftlern zum Potential der Achtsamkeit das Bewusstsein dafür geschärft hat, dass Bildung ohne Persönlichkeitsentfaltung und Beziehungsschulung nicht gelingen kann. Die Pionierarbeit bestand und besteht darin, das umzusetzen, was wir in den letzten Jahren über den Zusammenhang zwischen Körper, Gedanken und Gefühlen von Psychologen und Hirnforschern gelernt haben. Und in all den Jahren mit Lehrern und Schülern ist mir klar geworden, wie wichtig es ist, Erfahrungsräume im schulischen Unterricht zu öffnen, die es Kindern und Jugendlichen ermöglichen ihre Selbstwahrnehmung und Beziehungsfähigkeit ganz konkret und kontinuierlich mit Übungen zu schulen und dann Wissen über ihren Organismus zu bekommen durch altersgerechte Psychoedukation.

In Ihrem letzten  Buch gibt es auch ein Kapitel über den „achtsamen Umgang mit der Achtsamkeit“, sie verweisen auf den Begriff McMindfulness, also eine Art Schnell-Lösung für Probleme aller Art.

Ja –  Achtsamkeit hat Kreise gezogen. Es ist viel Unterstützenswertes in Gang gekommen, aber das Wort wird ja derzeit inflationär verwendet und damit auch in der Bedeutung verwässert. Fast scheint es so,  als sei Achtsamkeit das Allheilmittel.  Achtsamkeit wird derzeit oft als Attribut eines trendigen Lifestyles gehandelt, als weiteres „Tool“ der „Selbstoptimierung“ im alltäglichen Wettlauf um die besten Bedingungen. Meditieren, um belastbarer zu werden, um sich noch besser den Forderungen anzupassen, statt sie zu hinterfragen. Da gilt es gegenzusteuern und Kurs zu halten.

Achtsamkeit als bewusste, ethisch fundierte Lebenshaltung weist auf das menschliche Potential der Selbstbesinnung und Selbstbestimmung. Es geht um eine Haltung, die schon Kinder und Jugendliche erwerben können. Allerdings bedarf es einer kundigen Anleitung, um Schülerinnen und Schüler zu begeistern und  zum Üben zu motivieren.

Erst wenn die Schüler/innen verstehen, was der Sinn der Übungen sein kann und wenn sie „am eigenen Leib“ die Wirkung erfahren, entsteht eine intrinsische Motivation.

Wie dieses Potential der Achtsamkeit sich entfalten lässt, das ist eine Frage, auf die ich als Pädagogin Antworten gesucht habe.  Gerade die enge Verflochtenheit von Körper, Gedanken und Gefühlen, diese unzertrennlichen Aspekte unseres Wesens, gilt es hier konkret in der Lehrerbildung und an in Erfahrungsräumen für Kinder und Jugendliche verfügbar zu machen, um so eine immer differenziertere Innen- und Außensicht zu ermöglichen.

Was ist Ihre Motivation? Was treibt Sie an?

In erster Linie die Freude daran, dazu beizutragen dass junge Menschen ihr Potential entfalten können, dass sie ihre Fähigkeiten und Begabungen entdecken und mit ihren Schwächen und Ängsten umgehen lernen. Sicherlich ist die Schule dazu da, Fachwissen zu vermitteln, aber damit dieses Wissen bei den Schülern ankommt, damit sie einen Zugang dazu finden und  verstehen, wie sie dieses Wissen anwenden und selbsttätig erweitern können, brauchen sie eine Schulung der Selbstwahrnehmung und Selbstregulation. Diese Fähigkeit erst eröffnet selbstbestimmtes Verhalten und daraus entsteht dann auch ein bewusstes Umgehen miteinander  – Wertschätzung und Freude an Beziehungen. Die Neugier und Lust, sich selbst und andere zu verstehen, bereiten den Boden für lebenslange Bildung. Dazu bedarf es der Ermutigung und dazu bedarf es der Schulung von Lehrer/innen.

Welche Bedeutung hat eine Achtsamkeitsschulung für Lehrer/innen?

Seit vielen Jahren biete ich ja in der Lehrerfortbildung das Format „Achtsame Acht Wochen“ an, das Lehrer/innen ermutigt, eine kontinuierliche Achtsamkeitspraxis für sich zu etablieren und im Schulalltag genau wahrzunehmen, welche persönlichen Stressoren es gibt, und zu lernen, wie man sich selbst beruhigen kann und Mut bekommt, Wege zu gehen, die aus der Angst herausführen. Der Lehrerberuf kann so erfüllend sein – der unverstellte Kontakt mit den Schülern kann für beide Seiten so bereichernd sein. Wenn Lehrer/innen mit der Zeit immer mehr die Haltung der Achtsamkeit verkörpern, entsteht allein schon aus diesem Zugewinn an Ruhe und Präsenz ein gutes Beziehungsklima. Achtsamkeit ist eine gute Burn-Out-Prophylaxe, sie stärkt die Resilienz und öffnet den Raum für Kreativität und Engagement. Viele Lehrer/innen haben dann den Wunsch, im Unterricht die Haltung der Achtsamkeit schrittweise zu vermitteln. Dafür habe ich das Rahmencurriculum AISCHU entwickelt (Achtsamkeit in der Schule), in dem schon fast 200 Lehrer/innen ausgebildet wurden und das schon an Schulen in den täglichen Unterricht integriert wird.

Welche Bedeutung hat die Achtsamkeitsschulung für Schüler/innen? Geht es in erster Linie um Aufmerksamkeitssteuerung?

Vordergründig kann ein Ziel die Aufmerksamkeitssteuerung und Impulskontrolle sein, aber der Sinn eine Achtsamkeitsschulung umfasst das große Ziel der Selbsterkenntnis und des bewussten ethischen Handelns.

Allerdings ist die bewusste Steuerung der Aufmerksamkeit ein erster Schritt für jeden Einzelnen, sich selbst zu beruhigen und den Fokus der Aufmerksamkeit selbstständig zu wählen. Dazu bedarf es der intrinsischen Motivation.

„Pass endlich auf!“ – Diese Ermahnung kann nicht fruchten, wenn dem Kind oder Jugendlichen tausend Gedanken durch den Kopf jagen, die Gefühle Achterbahn fahren und Versagensängste untergründig am Werk sind.

Wer sich nicht konzentrieren kann, weil er seine Aufmerksamkeit nicht zu steuern gelernt hat, wer den anflutenden Impulsen ausgeliefert ist, weil er sie nicht zu kontrollieren gelernt hat, der verfügt nicht souverän über die Grundvoraussetzungen für effizientes Lernen und selbstverantwortliches Handeln, nämlich sich in einen Zustand entspannter Wachheit zu versetzen und mit Ängsten und Stress-Situationen umgehen zu können. Diese Fähigkeit kann gelehrt und gelernt werden und damit sollte früh begonnen werden.

In Ihren Büchern  gehen Sie immer auf relevant, aktuelle  Forschungsergebnisse aus Hirnforschung und Psychologie ein. Weshalb?

Die Hirnforschung hat unsere Aufmerksamkeit wieder darauf gelenkt, wie wirkmächtig körperliche Prozesse sind, besonders auch wenn sie unbewusst bleiben und unser Verhalten steuern. Die gute Nachricht ist, dass wir lernenn können auf diese Prozesse bewusst Einfluss zu nehmen (vgl. A. Damasio, T. Singer, W. Singer, D. Goleman, M.Spitzer,  J.  Bauer, D. Siegel). Das enge Wechselspiel zwischen Gedanken, Gefühlen und körperlichen Prozessen wird besonders deutlich im Falle der Stressreaktion der Körpers. Es lässt sich z.B. nachweisen, wie selbstabwertende Gedanken den Körper in einen Stresszustand versetzen können. Negative innere Gedankenketten laufen oft »im Hintergrund mit«, färben das Erleben, aber dringen nicht ins Bewusstsein. Auch vieles, was von außen auf uns einstürmt, dringt nicht über die Bewusstseinsschwelle, wirkt aber dennoch auf unseren Organismus. Spannend sind auch die Forschungen von Tania Singer zu der Möglichkeit, Mitgefühl zu „trainieren“, d.h. durch Übung und Einsicht ein wertschätzendes Miteinander zu ermöglichen. Dafür habe ich den „Achtsamen Dialog“ entwickelt, nach dem Vorbild von Gregory Kramers „Einsichts-Dialog“.

Ihr schulisches Rahmencurriculum  für Kinder und Jugendliche nennt sich AISCHU– Achtsamkeit in der Schule. Wie wird es konkret eingesetzt, damit die Schüler/innen die Haltung der Achtsamkeit lernen können?

Gut, dass Sie von der Haltung der Achtsamkeit sprechen, denn in der Tat handelt es sich um eine Haltung dem eigenen Erleben und Bewusstsein gegenüber, aber auch um eine Haltung den Mitmenschen gegenüber. AISCHU ist ein Rahmen, in dem jeder Unterrichtende seinen eigenen Stil finden sollte. Ich habe das Akronym gewählt, um zu verdeutlichen, dass es eben mehr als einiger Übungen hin und wieder bedarf. Es gibt unverzichtbare Bausteine, die ineinander passen, die aber jeder auf seine Art zusammensetzen kann. (Körperorientierte Übungen, Erfahrungsaustausch, Imaginationsübungen, Der Achtsame Dialog, Psychoedukation, Kreativitätsangebote)

Voraussetzung für das Gelingen dieser Arbeit ist es, dass Lehrer/innen selbst die Haltung der Achtsamkeit verkörpern, dann können sie – geschult durch die AISCHU-Ausbildung – die Schüler/innen kundig anleiten und ihre eigene „Mischung“ aus den Zutaten von AISCHU kreieren.

Wie ist das Rahmencurriculum AISCHU  konkret gestaltet?

Kontinuierliche Übung ist der Schlüssel, deshalb wird nach einer Vorbereitungsphase – in den täglichen Unterricht integriert – immer nur wenige Minuten geübt.

In der Vorbereitungsphase geht es darum, dass die Schüler/innen spielerisch motiviert werden, in „eigener Sache zu forschen“. Es gibt Wahrnehmungsübungen und auch schon altersgerechte Psychoedukation zur Stressphysiologie, zum Aufbau des Gehirns und zum Body-Mind-Link, So vorbereitet – lassen sich dann die Schüler/innen auf die Übungen ein.

Die stetige Schulung bewirkt, dass die Selbstberuhigung immer einfacher zu erreichen ist.

Es ist wichtig, dass die Kinder und Jugendlichen verstehen, welche Bedeutung diese Übungen haben, und es ist wichtig, dass eine kontinuierliche Einbindung der Übungen in den täglichen Unterricht gewährleistet wird. Dadurch erst kann die Wirkung der Übungen zum Tragen kommen, so wird auf die Aufmerksamkeitsnetzwerke im Gehirn eingewirkt, so können Kinder und Jugendliche lernen das Steuer ihrer Entwicklung selbst in die Hand zu nehmen. Daraus entsteht eine geistige Autonomie, die Kinder und Jugendliche heute brauchen um jenseits von Ideologien bewusst ihre eigenen Werte zu entwickeln und dann auch entsprechende Handlungsfelder für sich zu entdecken, denken wir nur an die dringlichen gesellschaftlichen und klimatischen Herausforderungen.

Letztlich geht es um eine Bewusstseinsschulung, die zur Freiheit ermächtigt, gerade zum Beispiel auch im Umgang mit den elektronischen Medien, den „sozialen“ Netzwerken und im Bewahren und Pflegen von echten, „analogen“ Beziehungen miteinander.

Wie können unsere Leser/innen mehr über ihre Arbeit und Ihre Angebote erfahren?

Einerseits durch meine Bücher, aber natürlich bedarf die Achtsamkeitspraxis einer persönlichen Ausbildung in längeren Formaten. So biete ich im Rahmen der Staatlichen Lehrerfortbildung in Frankfurt eine einjährige Weiterbildung an, ebenso in Hamburg im Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung. Außerdem nun schon die vierte Jahresausbildung in Berlin bei www.akiju.de. Im Dezember beginnt eine bundesweite Multiplikatorenschulung beim AVE- Institut:  www.ave-institut.de.

Die jüngsten Entwicklungen in der Bildungslandschaft sind ermutigend:

Achtsamkeit zieht Kreise!

Ich freue mich auf den Vortrag in Berlin am 26.09.2019 und darauf Sie – liebe Lehrer/innen und Interessierte persönlich kennenzulernen und mich mit Ihnen auszutauschen. Weitere Informationen zur Veranstaltung finden Sie hier.

(Für Fragen Infos besuchen Sie gerne meine Webseite: www.vera-kaltwasser.de)

 

 

 

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Marina Prieb

Marina Prieb

Marina Prieb ist für das Online-Marketing in den Heiligenfeld Kliniken verantwortlich und schreibt für den Blog und die Social Media-Kanäle.

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