Angsterkrankungen und stationäre Behandlung

AngstDie Grenze zwischen begründbarer, „gesunder“ Angst und einer Angsterkrankung wird oft unbemerkt überschritten. Die psychische Erkrankung beginnt dort, wo die Intensität des Angstgefühls nicht der tatsächlichen Bedrohung entspricht, wo Leidensdruck entsteht und der Alltag beeinträchtigt ist.

Bei allen Formen von Angsterkrankungen treten aufgrund des aus dem Gleichgewicht geratenen vegetativen Nervensystems körperliche Symptome auf. Herzklopfen, Atemnot, Zittern, Schwitzen, Schwindel, Verdauungsprobleme und Schmerzzustände entsprechen ursprünglich der „Alarm“-Reaktion des Organismus in akuten Stress-Situationen und erschweren in vielen Fällen die Diagnostik. Da bei Angststörungen eine reelle Bedrohungs- oder Gefahrensituation fehlt, stehen diese körperlichen Symptome oft im Vordergrund und werden nicht als Reaktion des Nervensystems auf die Angst, sondern als Bedrohung per se erlebt. Oft wird dann sowohl vom Patienten wie auch vom Arzt zunächst von einer somatischen Erkrankung ausgegangen. Insbesondere bei Panikattacken kommt es sehr oft vor, dass der Patient als Notfall, z. B. mit der Verdachtsdiagnose Herzinfarkt, in eine Klinik eingewiesen wird.

Nach Ausschluss organischer Ursachen wird oft jedoch noch nicht die Diagnose einer Angststörung gestellt, sondern eher eine „vegetative Dystonie“, ein „psychovegetatives Syndrom“ oder Ähnliches bescheinigt, so dass Angstpatienten oft über Jahre stark verunsichert bleiben. Erst die richtige Diagnose gibt vielen Patienten das beruhigende Gefühl, ernstgenommen zu werden. Daher hat die frühzeitig und korrekt gestellte Diagnose eine besondere Bedeutung.

Bei phobischen Ängsten wie der Angst vor bestimmten Situationen oder Tieren wird eine gerichtete Angst bewusst erlebt. Die Betroffenen vermeiden die Konfrontation mit dem angstauslösenden Faktor, um die akuten Symptome nicht zu erleben. Dieses Vermeidungsverhalten kann das Alltagsleben und die Lebensfreude stark beeinträchtigen.

Die Veranlagung zur Entwicklung einer Angststörung entsteht sehr früh im Leben und bleibt lebenslang bestehen. Manche Menschen sind besonders stressempfindlich, sie haben ein besonders leicht reizbares vegetatives Nervensystem und sind daher auch für die Entwicklung einer Angststörung besonders anfällig. Auslöser finden sich in den täglichen Belastungen, oft auch bereits schon in den Gedanken, die diesen Belastungen vorausgehen und diese bzw. ihre möglichen Auswirkungen „katastrophisieren“. Die Verknüpfung zwischen bedrohlichen Situationen und den vegetativen Äquivalenten von Angst wird in einem Teufelskreis von Vermeidung und Erwartungsangst immer wieder neu gefestigt und funktioniert in beide Richtungen, so dass auch allein die Wahrnehmung normaler körperlicher Funktionen wie eines erhöhten Herzschlags oder vermehrten Schwitzens bereits Angstgefühle auslösen kann.

Eine Indikation für die stationäre Behandlung ist bei allen Formen der Angsterkrankung dann gegeben, wenn die ambulante Behandlung nicht ausreicht, das Angstniveau sehr hoch ist und erhebliche Einschränkungen bei der Alltagsbewältigung bestehen.

Das wichtigste Ziel bei der Behandlung von Angststörungen liegt darin, sich mit der „Angst“ an sich auseinanderzusetzen. In der Parkklinik Heiligenfeld geschieht dies zum Beispiel über die Konfrontation mit angstauslösenden Situationen. Nur so können korrigierende Erfahrungen gemacht werden. Die kognitive Vorbereitung dafür wird teils in Einzeltherapie, teils im Gruppenkontext erarbeitet. Die Patienten mit Angst- und Panikstörungen nehmen zusätzlich an einer speziellen Indikationsgruppe zum Thema Angst teil. In dieser Gruppe werden theoretische und praktische Inhalte über die Entstehung und den Umgang mit Angst und Panik vermittelt. Krankheitsverständnis und die Bewältigungsmöglichkeiten werden erarbeitet, kognitive Verzerrungen und falsche Vorstellungen werden aufgelöst und die Patienten erhalten eine Vielzahl von Hinweisen zur wirksamen Selbsthilfe. Unterstützend wirkt neben der Gruppenpsychotherapie das besonders breit gefächerte körper- und erlebnisbezogene Kreativtherapieprogramm der Klinik, das den Patienten den Zugang zu den eigenen Gefühlen und deren differenzierte Wahrnehmung ermöglicht. Weitere Informationen finden Sie unter www.angst.heiligenfeld.de.

Literaturtipp:

Angst

 

Viele Menschen haben das Selbsthilfe-Programm von Reneau Peurifoy bereits erfolgreich angewandt. Es kann auch therapiebegleitend eingesetzt werden. In 15 Lektionen erwirbt der Leser die Fähigkeit, seine Ängste, Phobien und Panikattacken zu bekämpfen und neues Selbstvertrauen zu gewinnen. Er beginnt damit, seinen Stress zu verstehen, Angstsymptome zu reduzieren, Ursachen der Angst zu erkennen und negative Denkmuster zu überwinden. Er verzichtet auf übersteigerte Wünsche nach Anerkennung; er sieht ein, wie zerstörerisch manche seiner Verhaltensweisen auf ihn selbst wirken, und erfährt, wie er diese verändern kann. Sein Selbstwertgefühl wächst. Die eigene Wut wird zum Verbündeten. Das Buch endet mit drei Lektionen darüber, wie man für sich selber einstehen kann und sich nicht vom Kurs abbringen lässt, auch nicht in der Zukunft.

Dieses Buch finden Sie im Buchshop Heiligenfeld.

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Jutta Wittmann

Jutta Wittmann

Jutta Wittmann ist als Diplompsychologin in der Marketingabteilung der Heiligenfeld Kliniken. Sie ist zuständig für die Koordination der Zusammenarbeit mit den Psychotherapeuten und Ärzten der Klinik und für die fachspezifische Bearbeitung von Texten. Weitere Informationen zu den einzelnen Autoren finden Sie auch unter dem Menüpunkt "Über den Blog und seine Autoren".

4 Kommentare


  1. Sehr geehrte Frau Wittmann,
    ich bin über den Satz gestolpert: „Die Veranlagung zur Entwicklung einer Angststörung entsteht sehr früh im Leben und bleibt lebenslang bestehen“. Meine eigene Lebenserfahrung und die Begleitung anderer Menschen/Patienten hat mich durchaus gelegentlich Gegensätzliches gelehrt. Ich habe in der Lektüre des Buches von Bruce Lipton „Intelligente Zellen- Wie Erfahrungen unsere Gene steuern“ eine Bestätigung meiner Erkenntnisse gefunden.
    Mit herzlichen Grüßen,
    Zuzanna Heinrich

    Antworten
    1. Jutta Wittmann

      Sehr geehrte Frau Heinrich,
      vielen Dank für Ihren Kommentar. Natürlich können die persönlichen Erfahrungen über die Erkenntnisse von Studien hinausgehen:oft gibt es eben nicht die eine Wahrheit, sondern verschiedene Erklärungen und Erkenntnisse haben Gültigkeit. Deshalb ist Ihr Hinweis umso wertvoller.

      Vielen Dank und herzliche Grüße
      Jutta Wittmann

      Antworten

  2. Bei meinen beiden Aufenthalten in Heiligenfeld 2013/2014 habe ich die Indikationsgruppe Angst als wenig hilfreich empfunden. Hintergrund bei mir sind traumatische Erfahrungen in der Kindheit und da war diese Indikationsgurppe kontraproduktiv, auch weil sie zu groß war, genau wie die Traumagruppe. Hier habe ich es als noch extremer empfunden. Letztere war noch viel voller, sodass es mir zuviel wurde daran teilzunehmen.
    Die Indikationsgruppen sind vom Ansatz her sicherlich gut, in der Durchführung jedoch nicht, sodass ich diesbezüglich Heiliegenfeld nicht empfehlen kann
    MFG A.Klocke

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    1. Sehr geehrte Frau Wittmann, sehr geehrter Herr/Frau Klocke

      vielen Dank für den Text, Frau Wittmann. Sie sprechen mir aus der Seele. Durch Ihren E-Mail-Newsletter bin ich auf den Text hier gestoßen. Mir erging es die letzten Jahre ähnlich, bis ich Ende 2013/Anfang 2014 nach Heiligenfeld gekommen bin. Mir hat der Aufenthalt in Ihrer Klinik sehr gut getan und ich habe gelernt, mit meinen immer wiederkehrenden und oft sehr diffusen Ängsten umzugehen.

      Deshalb kann ich Ihren Eindruck, Herr/Frau Klocke (entschulden Sie, aus Ihrer Grußformel wird das Geschlecht leider nicht deutlich …) auch nicht bestätigen. Sicher sind die Indikationsgruppen in den Kliniken Heiligenfeld nicht für jeden hilfreich. Aber so ist es wohl bei allem, was man macht. Jede Therapieform ist anders und dem einen hilft es, dem anderen leider nicht. Auch wenn es sehr schade ist, ist es doch verständlich und ganz normal. Mir jedenfalls hat vor allem die Angst-Gruppe sehr gut getan. Ich wurde mir über die angstauslösenden Sachen in meinem Leben bewusst und habe erfahren, dass ich damit gut umgehen kann. Auch wenn es mich mal wieder aus den Latschen haut und ich denke, ich falle um vor lauter Angst. Deshalb vielen Dank an Heiligenfeld! Ich musste selbst viel daran arbeiten, aber mit eurer Anleitung ist es mir ganz gut gelungen. Zumindest bis heute geht es mir gut 😉
      Viele Grüße nach Bad Kissingen
      Die Müllerin

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