Diagnose im Netz – Wenn das Internet zum Arztersatz werden soll

Auch in der Medizin führen die Entwicklungen des Internets zu bedeutsamen Veränderungen. Insbesondere der Trend der Selbstdiagnose von Patienten über Google, Wikipedia und Co ist auf dem Vormarsch. Die eigene Diagnose zu erstellen läuft unkompliziert ab: Symptome oder Krankheitsbilder im Internet zu recherchieren und außergewöhnlich schnell an Erkenntnisse zu dem eigenen Gesundheitszustand zu kommen, verleiten viele Menschen dazu, erst einmal Dr. Google zu befragen. Doch ist dies auch sinnvoll?

Ich habe Dr. Rüdiger Höll, Chefarzt der Parkklinik Heiligenfeld und Facharzt für Neurologie und Psychiatrie sowie Psychosomatik und Psychotherapie, zu diesem Thema befragt.

Chefarzt der Parkklinik Heiligenfeld und stellv. Ärztlicher Direktor der Heiligenfeld Kliniken
Chefarzt der Parkklinik Heiligenfeld und stellv. Ärztlicher Direktor der Heiligenfeld Kliniken

Was bedeutet der Trend der Selbstdiagnose für die Arzt-Patienten-Beziehung?

Zunächst könnte diese Entwicklung durchaus als positiv betrachtet werden. Durch die besseren Informationsmöglichkeiten für Patienten können viele Vorteile für die medizinische Behandlung entstehen. Auf der anderen Seite wird diese Beziehung belastet, wenn Patienten annehmen, dass eine Internetrecherche ein Medizinstudium ersetze und richtige nicht von falschen Informationen unterscheiden können.

Warum sind Diagnose-Websites oder Apps so beliebt?

Der Mensch hat die Diagnose selbst in der Hand und kann über sein weiteres Vorgehen selbst bestimmen ohne sich über mögliche Konsequenzen Gedanken machen zu müssen. Man fühlt sich wie ein Experte und kann nach eigenem Ermessen und Belieben handeln.

Welche möglichen Gefahren verbergen sich hinter einer Diagnose aus dem World Wide Web?

„Fehldiagnosen“ oder Fehleinschätzungen sind  häufig. Beispielsweise können körperliche Beschwerden eine seelische Ursache überdecken. Und um zu beweisen, dass keine psychische Problematik vorliegt, wird vom Patienten unaufhörlich im Internet nach ausgefallenen Krankheitsbildern gesucht. So wird eine Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Problem vermieden. Ärzte können mit ihrem Fachwissen abwägen, ob nicht bei einer vorscheinlichen Depression zum Beispiel eine Angststörung dahinter steckt. Das Risiko, dass Patienten ohne medizinische Fachkompetenz nicht adäquat handeln ist hoch. Das Internet kann den persönlichen Kontakt nicht ersetzen. Basics wie Messung des Blutdrucks oder Blutabnahme werden bei einer Internetdiagnose völlig übergangen.

Informationen aus dem Internet fachgerecht zu bewerten, gestaltet sich als Laie schwierig. Generell ist die Frage, was man mit den gewonnen Informationen aus dem Netz macht. Wenn z. B. Symptome wie Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Kopfschmerzen in die Suchmaschine eingegeben werden, werdengegebenenfalls Krankheiten wie Leukämie von Dr. Google diagnostiziert. Der normale Weg wäre bei diesen Symptomen einen Arzt zu konsultieren. Durch die Kompetenz des Arztes bekäme der Patient schnell die richtige Diagnose und Abhilfe. Mit reinem Verlass auf die Internetdiagnose kann schnell massive Angst und Panik entstehen. Bei persönlichem Kontakt zu einem Experten wird die Panikmache einfach unnötig.

Zusätzlich ist auch die Anonymität im Netz als problematisch anzusehen. Denn wer steht hinter den Informationen aus dem Internet? Die Qualität der Beiträge ist schwer beurteilbar. Es gibt schließlich keine filternden Sicherheitsmaßnahmen im Internet. Man vertraut auf eine „Ethik im Netz“, die wahrscheinlich nicht vorhanden ist.

Ist die „Diagnose im Netz“ auch hilfreich?

Es gibt bei diesem Trend Licht- und Schattenseiten. Auf Apothekenwebsites oder rechtsicheren Seiten könnte man sich gute, allgemeingültige Ratschläge einholen oder das eigene Wissen zu einem bestimmten Thema vervollständigen. Das Internet dient gut zum Nachlesen oder um Verknüpfungen herzustellen. Beispielsweise können Kontakte zu Selbsthilfegruppen so entstehen. Ein Pilotprojekt, bei dem Kliniken in strukturschwachen, ländlichen Gebieten Chatrooms anbieten, kann für eine Therapie förderlich sein. Auf dieser Plattform können sich ehemalige Patienten mit Therapeuten über ihr Befinden austauschen. Auch der Erfahrungstausch der ehemaligen Patienten untereinander wird dort ermöglicht. Ein weiteres Beispiel: Bei Rückenschmerzen könnte eine seelische Verkrampfung als ärztliche Diagnose ermittelt werden. Der Patient recherchiert auf eigene Faust und erfährt, dass seine Symptome auch ein Bandscheibenvorfall sein könnten und lässt dies zusätzlich abklären. Die Diagnosen aus dem Netz können somit eine Unterstützung und Hilfe für die ärztliche Behandlung sein. Vorausgesetzt sie liefern korrekte Informationen und diesen wird anschließend nachgegangen. Die Entwicklungen durch das Internet sind demnach auch nützlich und spannend zu beobachten.

Gibt es noch weitere Auswirkungen die Internetdiagnosen verursachen?

Es entsteht eine regelrechte Informationsüberschwemmung. Der Umgang mit der Informationsfülle des Internets ist sehr verwirrend und unüberschaubar. Zusätzlich kommt eine Vielfalt von Meinungen hinzu, die zu dem persönlichen Gesundheitszustand Ratschläge erteilen. Am Ende bleibt nur Verwirrung und oftmals keine zufriedenstellende Antwort.

Worauf sollte man im Umgang mit Dr. Google und Co achten?

Es ist schwierig hier zu pauschalisieren. Es gibt durchaus Fachleute, Ärzteportale, Fachverbände oder Vereine, die gewissenhafte Informationen im Internet über Krankheiten liefern. Der Austausch mit Betroffenen kann auch durch Internetvernetzung erleichtert werden. Hier sollte man darauf achten, dass jemand Verantwortung für das Veröffentlichte übernimmt. Bei Wikipedia-Einträgen sollte man auf den Ersteller des Artikels achten, damit eine Sinnhaftigkeit gewährleistet ist. Auf Wikipedia kann theoretisch jeder etwas zu einem Thema veröffentlichen, auch wenn dieser kein Experte ist. Keiner überprüft diesen Artikel vor der Veröffentlichung. Bei einer Recherche über Google sollte man möglichst viele und detaillierte Parameter eingeben. Trotzdem ist es immer noch am besten, sich die Mühe zu machen und einfach zum Arzt zu gehen, um sich dort über Diagnose oder Therapie beraten zu lassen.

Wie beurteilen Sie abschließend diesen Trend?

Diese Entwicklung bietet Schönes und Schattenseiten. Es ist eine Bereicherung und kann auch Schaden anrichten. Das Potential befindet sich erst am Anfang. Jeder sollte sich bei der Recherche auf eigene Faust bewusst sein, dass es keine Regeln im Internet gibt und keiner die Verantwortung für Konsequenzen übernimmt. Das Internet sollte als Ergänzung und nicht als Ersatz betrachtet werden.

Vielen Dank für das Gespräch!

1 Kommentar


  1. Hallo,
    ja, ja, ich kenne das sehr gut. Ich schaue auch immer im Netz nach und grundsätzlich steht man ja bei jedem Leberfleckchen oder Wehwehchen schon kurz vom Exodus. Deshalb bemühe ich mich sehr, das nicht mehr zu tun.

    Danke, dass Sie mal dieses Thema behandeln.

    Viele Grüße
    Ina

    Antworten

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