Die Rückkehr der Väter

FamilieTrennen sich zwei Elternteile voneinander, bringt dies für die Eltern, wie auch für deren Kinder, Schwierigkeiten mit sich. Häufig wachsen die Kinder anschließend bei der Mutter auf und der Kontakt zum Vater wird vernachlässigt. Ein Leitender Psychologe der Heiligenfeld Klinik Waldmünchen beschreibt, wie der Wiederaufbau einer gemeinsam gelebten Elternschaft therapeutisch begleitet wird.

Verläuft die Trennung der Eltern konflikthaft, entwickelt sich oftmals eine übermäßig enge Beziehung des Kindes zu einem Elternteil. Gleichzeitig droht der Verlust des Kontaktes zum anderen. Hintergrund dieser Entwicklung ist, dass ein Elternteil eigene, unverarbeitete Anteile an der Trennung zum anderen Elternteil in sich trägt. Somit kann es dem Kind einen guten Kontakt zum anderen Elternteil nur schwer zugestehen.

Enttäuscht von der gescheiterten Beziehung zum Vater erhofft sich die Mutter, in einer eng gestalteten Beziehung zum Kind, von diesem Zuwendung und Bestätigung. Wenn das Kind nach dem aus seinem Leben verschwundenen Vater fragt oder sich ähnlich wie der Vater verhält, ist die Mutter oft verunsichert. Diese Verunsicherung spürt das Kind. Die Mutter möchte dies jedoch vor sich selbst und vor ihrem Kind nicht zugeben. Das Kind gerät in einen Loyalitätskonflikt.

In unserer Gesellschaft, wie in unserer Patientenschaft, leben Kinder nach der Trennung der Eltern in den meisten Fällen bei der Mutter. Lediglich der Einfachheit halber beschreiben wir hier deshalb diese Konstellation. Sie trifft in der Umkehrung ohne Einschränkung auch für die andere Konstellation (Kind lebt bei Vater, entbehrt die Mutter) zu.

In Anlehnung an das 5-Stadien-Modell der Bonding-Psychotherapie und des 5-Stadien-Modells der Neukonstruktion einer abhängigen Eltern-Kind-Beziehung (R. Mumm u. a.), das in unserer Klinik der Eltern-Kind-Arbeit zugrunde gelegt wird, soll im folgenden beschrieben werden, wie die Wiedereinführung des Vaters ins Leben des Kindes im Rahmen seiner Therapie während des gemeinsamen stationären Aufenthalts des Kindes und der Mutter therapeutisch angegangen wird.

Stadium 1: “Ausgrenzung und Entwertung“

Die Mutter lehnt den Kontakt des Kindes zum Vater ab, um das Kind vor diesem zu schützen. Er wird als verantwortungslos („fährt betrunken Auto“), desinteressiert („kümmert sich nicht“), unglaubwürdig („verspricht viel, hält nichts“) hingestellt oder gar entpersönlicht („der Erzeuger“). So wie der Vater als Person entwertet wird, bekommt auch das Kind eine ihm nicht entsprechende Rolle, z. B. als Partnerersatz („Schatzi!“) oder es wird „verniedlicht“ („mein Mäuschen“). Das Kind entwickelt den Wunsch, unabhängiger zu werden. Diese Autonomiewünsche stellen sich ersatzweise in einer von der Mutter nicht beeinflussbaren Symptomatik (z. B. Trennungsängste, Einnässen, Zwänge) dar.

Nach unserer Erfahrung ist im Rahmen der Therapie des Kindes die aktive Einführung des Vaters durch den Therapeuten gegenüber der Mutter indiziert, gewissermaßen in Vertretung des Kindes: „Wir sind der Ansicht, dass der abwesende Elternteil ebenso Bedeutung und Verantwortung für das Kind hat wie Sie, deshalb wird auch er auf geeignete Weise miteinbezogen. Dazu brauchen wir Ihre Unterstützung!“ Die in diesem Stadium zu erwartenden Reaktionen der Mutter sind: „Der kommt sowieso nicht“. „Ich will ihn nicht hier haben, ich bin froh, dass er endlich weg ist, hab da lange dafür gekämpft.“ „Wenn Sie den herholen, dann brech‘ ich die Therapie ab.“ In dieser Ablehnung drückt sich die oft jahrelange Konflikt- und Leidensgeschichte der Mutter aus, die in diesem Stadium uneingeschränkt zu würdigen ist.

Gegenüber dem Kind wird in dieser Phase eine non-direktive Haltung des offenen Interesses eingehalten. Auf die Synchronizität der Prozesse bei Eltern und Kind ist zu achten. Dem Vater wird in einem ersten Kontakt signalisiert, dass er als abwesender Elternteil in seiner Bedeutung ebenso gesehen wird, seine Mitwirkung ihm genauso zusteht und von unserer Seite auch als unerlässlich angesehen wird und er zu gegebener Zeit einbezogen wird.

Stadium 2: “Öffnung und Neuorientierung“

Die Mutter beginnt mit Fortschritt des eigenen Therapieprozesses zwischen der Behebung der eigenen Kränkungen und den davon unabhängigen Bedürfnissen des Kindes unterscheiden zu können. Sie „nährt“ sich zunehmend durch den Kontakt zu Erwachsenen, statt den Wunsch nach Nähe beim Kind zu befriedigen.

In diesem Stadium stimmt die Mutter rational einer Kontaktaufnahme mit dem Vater zögernd zu. Jedoch kann sie die Beziehung zum Vater nicht emotional gelingend selbst gestalten. Dies zu bewerkstelligen wird dem Therapeuten überlassen: „Von mir aus, Sie können es ja mal versuchen, ihn anzurufen.“ Ein Scheitern wird nicht groß bedauert, oft als Bestätigung der bisherigen Einschätzung betrachtet. Es macht Sinn, der Mutter anzubieten, die Kontaktaufnahme mit dem Vater zu übernehmen. Denn in diesem Stadium besteht das Risiko, dass zwischen den Eltern schnell wieder alte Konfliktmuster aufbrechen.

Das Kind ist in diesem Stadium irritiert über die erkennbaren Veränderungen im Verhalten der Mutter. Es hält seinerseits noch loyal am alten den Vater ablehnenden Verhalten fest. Das beginnend sich ihm gegenüber abgrenzende, fordernde Verhalten der Mutter, die lernt, ihre Mutterrolle angemessen auszufüllen, wird als Verrat erlebt. Es rebelliert gegenüber Veränderungen, z. B. auch mit Ängsten und Ablehnung gegenüber dem Kontakt mit dem Vater. Dies stellt für die Mutter eine große Herausforderung dar, nicht gleich wieder die frühere, vermeintlich das Kind beschützende Haltung einzunehmen und sich mit dem Kind gegen den verständnislosen und herzlos strengen Therapeuten zu verbinden.

Stadium 3: “Annäherung und Wiederbegegnung“

Die Mutter hat inzwischen rational die Notwendigkeit der Wiedereinführung des Vaters ins Leben des Kindes erkannt. Der Vater konnte entsprechend für eine Wiederaufnahme des elterlichen Kontaktes gewonnen werden. Dem Kontakt wird mit Unsicherheit angesichts der emotionalen Bewältigung der bevorstehenden persönlichen Begegnung (oft nach Jahren!) zugestimmt. Beide Eltern stehen vor der Aufgabe, wieder Vertrauen zueinander aufzubauen. Sie müssen eigene Anteile am Scheitern der elterlichen Kooperation anerkennen und für deren Gelingen in der Zukunft Verantwortung übernehmen.

Die Mutter ist zunehmend in der Lage, in angemessener Distanz zum „Ex“ zu leben und gleichzeitig der emotionalen Annäherung des Kindes zum Vater auch emotional zuzustimmen. „Ich habe mir einen Säufer als Partner ausgesucht und er ist dessen ungeachtet dein lieber Vater. Ich mute ihn dir zu!“ Die Haltung der Mutter zum Vater lautet: „Ich will dich nicht mehr als Mann, aber als Mutter brauche ich dich weiterhin als Vater für unser Kind. Du darfst zu unserem gemeinsamen Kind eine eigene Beziehung aufbauen, in die ich mich nicht kontrollierend einmischen werde. Ich beginne, dir wieder zu vertrauen.“ Entsprechende Haltungen braucht es auch vom Vater. So hat das Kind wieder die Freiheit, sich auf seine Weise auf den einen Elternteil einzulassen, ohne die Befindlichkeit des anderen berücksichtigen zu müssen.

Diese Phase ist für das Kind emotional enorm beanspruchend und beunruhigend. Rückfälle in symptomatisches Verhalten sind zu erwarten. Das Kind wird dabei unterstützt, die Worte für seine Befindlichkeiten und Bedürfnisse in den sich beginnend neu ordnenden Beziehungen zu den Eltern zu finden.

Stadium 4: „Verhandlung und Vereinbarung“

Ein Perspektivenwechsel zwischen den Eltern ist in diesem Stadium inzwischen ausreichend möglich. Das Verhalten des jeweiligen anderen Elternteils kann unter neuen Gesichtspunkten betrachtet und gewürdigt werden. Für die Eltern wird es zunehmend selbstverständlich, sich wechselseitig den Elternplatz im Leben ihres gemeinsamen Kindes zu sichern und diesen gemeinsam zu gestalten. Es gelingt immer besser, trotz noch aufbrechender früherer Vorbehalte, die Kooperation aufrechtzuerhalten oder zu ihr zurückzukehren. Dies kann auch gegenüber dem Kind zum Ausdruck gebracht werden: „Ich sorge künftig dafür, dass Du Papa/Mama einen Platz in Deinem Herzen geben kannst.“

Eltern können das Kind ggf. rituell aus einer Vermittler-, Tröster- oder Partnerersatz-Rolle entlassen, nicht ohne dieses ausreichend dafür gewürdigt zu haben. Und in der Arbeit mit dem Kind kann die Geschichte der Eltern nunmehr auch als Liebesgeschichte erzählt werden („Du bist ein Kind der Liebe“).

Stadium 5: „Verbindung und Vertrauen“

An der gemeinsam gelebten Elternschaft gibt es keinen Zweifel. Elterliche Konflikte werden konstruktiv geklärt und führen zu gemeinsam getragenen Entscheidungen. Es besteht wechselseitiges Vertrauen in eine verantwortungsvoll gelebte Elternschaft. Unzulänglichkeiten werden keinesfalls zum Vorwurf gemacht, sondern führen zu gegenseitiger Unterstützung, die dankbar angenommen wird. Das Kind ist sich der Liebe des einen Elternteils sicher, auch wenn es gern beim Anderen ist.

Ausblick

Das hier skizzierte Vorgehen und die Verknüpfung des individuellen Therapieprozesses sowohl der Mutter als auch des Kindes mit familiensystemischen Interventionen, wie es unser Setting des gemeinsamen stationären Aufenthalts ermöglicht, hat in vielen, oft über Jahre anhaltenden Konfliktsituationen erhebliche Entlastungen und oftmals sehr berührende Begegnungen ermöglicht. Wir sehen uns bestätigt, dieses Vorgehen fortzuführen und weiterzuentwickeln.

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Sophie Ritter

Sophie Ritter

Sophie Ritter ist Medienmanagerin (FH) und in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Heiligenfeld Kliniken sowie im Bereich Social Media tätig. Weitere Informationen zu den einzelnen Autoren finden Sie auch unter dem Menüpunkt "Über den Blog und seine Autoren".

4 Kommentare


  1. Ich finde die Darstellung des möglichen Konflikt-Potentials zu reduziert und möchte sie erweitern. Auch Folgendes ist möglich:
    Die Mutter trennt sich vom Vater ihrer Kinder und bittet um gemeinsame Fürsorge der Kinder, Teilnahme, Teilhabe des Vaters an der Erziehung, an der gemeinsamen Verantwortung für das Wohlergehen der Kinder. Der Vater, in seinem Selbstverständnis erschüttert, verspricht es, flieht gleichzeitig in seinen Beruf, der ihm vermeintliche
    Anerkennung bringt, um den entstandenen Schmerz nicht zu spüren. Die Mutter hält regelmässig Kontakt, informiert den Vater über die Entwicklung der Kinder, die Sehnsucht nach ihrem Vater; bittet, er möge in seinem Leben Freiraum für seine Kinder gestalten, die ihn so dringend im Heranwachsen brauchen. Meistens bleiben diese Bitten unerhört. Der Vater verreist mit seinen Kindern, ein sehnsüchtig erwartetes Ereignis im Jahresverlauf. Rückkehr der Kinder nicht selten in einem verwahrlosten und vernachlässigten Zustand. Und doch euphorisch um die erlebte „Freiheit“. Sie erzählen vom Herumtollen, Sich-Selbst-Überlssen-Sein (während der Vater sich in Lektüre und Alkohol auflöst); Drogen-Erfahurngen im zarten Alter von 13 Jahren, die der Vater „lustig“ findet, ohne zu realisieren, dass er seiner Aufsichtspflicht nicht nachkommt. – So liessen sich weitere Beispiele anfügen.- Der Scheidungsanwalt, der aus verschiedenen Quellen zahlreiche Informationen erhalten hat, rät, dem Vater das Sorgerecht zu entziehen. Die Mutter besteht auf dem gemeinsamen Sorgerecht, möchte den Vater aus seiner Verantwortung nicht entlassen. Die Mutter bittet um persönliche Gespräche, vis-á-vis, der Vater findet in seiner Lebensgestaltung keine Zeit dafür. Die Mutter: es ist uns nicht gelungen, an unserer Partnerschaft zu arbeiten, miteinander zu wachsen, die Kinder unsere Liebe füreinander spüren zu lassen; lass uns daran arbeiten, verlässliche Eltern zu sein.
    Einige Jahre später Suizid des Vaters.
    Für die Kinder bleibt für immer: Sie sind alle, jeder Einzelne von ihnen, in einem tiefen Gefühl der Liebe und Verbundenheit ihrer Eltern gezeugt worden.
    Aber auch: ein großes Defizit. Das Fehlen eines Vaters im männlichen Vorbild, eine „vollkommene Familie“, die Erfahrung, dass auch schwierige Probleme gelöst werden können. Eine Lücke, die nicht zu stillen ist, die den Lebensweg begleitet, in verschiedenen Lebenssituationen immer wieder schmerzhaft zu spüren ist.

    Der Schmerz herrscht über die Menschen schrecklicher als der Tod (Albert Schweitzer)

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    1. Danke liebe Zuzanna für deine ehrliche Beschreibung, die mich zu Tränen der Erinnerung geführt hat. Die Trennung meines Mannes vor jetzt 10 Jahren schmerzt mich immer noch in meinem Herzen.
      Unsere gemeinsamen Töchter, jetzt 19 und 22 Jahre haben wir zum Glück trotz des wahnsinnigen Schmerzes und Enttäuschung etc. so gemeinsam begleiten können, dass sie stark und meistens glückliche Menschen sind, die Wissen dass ihre Eltern sie über alles lieben.
      Es lohnt sich immer den Weg gemeinsam für die Kinder zu gehen! Egal wie weh es oft tut.
      Herzliche Grüsse
      Martina

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  2. Hallo,

    vielen Dank für die vielen, hilfreichen und informativen Artikel, die ihr uns hier regelmäßig zur Verfügung stellt. Lese mich gerade durch euren Blog und bin begeistert, möchte mich für eure immense Arbeit bedanken, das alles aufzubauen und zusammenzutragen. Tolle Erfahrungsberichte aus erster Hand von hochkarätigen Fachleuten!

    Vielen Dank und Hut ab!

    Gruß
    Rosi

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    1. Liebe Rosina,
      herzlichen Dank für Ihre netten Worte. Wir wünschen Ihnen auch weiterhin viel Spaß mit dem Blog.
      Alles Gute und viele Grüße,
      Kai Fraass

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