Essstörungen – (K)eine reine Frauenkrankheit?

Essstörungen – (K)eine reine Frauenkrankheit?

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Kerstin Statt, Oecotrophologin und Mitarbeiterin der Heiligenfeld Kliniken schreibt über Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten von Essstörungen:

Jonas und Phillip verbindet eine ungewöhnliche Freundschaft. Auf den ersten Blick könnten sie nicht unterschiedlicher sein: Jonas sehr mager und Anfang 20, Phillip kräftig gebaut und Ende 30. Kennen gelernt haben sie sich in der Parkklinik Heiligenfeld. Phillip hat Magersucht (Anorexie) und Jonas Fettsucht (Adipositas).

Für Jonas hat die Krankheit schleichend begonnen: „Ich war schon immer ein kräftig gebautes Kind, der Babyspeck hat sich nie ganz verwachsen. Irgendwann hatte ich es satt, wegen meinem Gewicht aufgezogen zu werden. Ich machte viel Sport und verlor Gewicht. Meine sportlichen Leistungen wurden immer besser und das hat meinen Selbstwert gesteigert. Alle haben sich für mich gefreut und mir Komplimente gemacht! Doch dann ging es allein durch Bewegung einfach nicht mehr vorwärts. Da habe ich noch weniger gegessen, jeden Tag mehr weggelassen. Irgendwann habe ich das Essen ganz eingestellt.“ Auch Phillip berichtet über seinen Krankheitsverlauf: „Eigentlich war ich immer normalgewichtig, ich bewegte mich und aß normal. Doch als ich mit meinem Unternehmen Insolvenz anmelden musste, ging es bergab. Die Stellensuche war deprimierend und erfolglos. Ich fühlte mich wertlos und meinen Frust betäubte ich mit Essen. Denn nur noch dabei empfand ich ein Glücksgefühl und fühlte mich zufrieden.“

So wie Jonas und Phillip geht es vielen Männern. Essstörungen sind keine reine Frauenkrankheit. Laut Jochen Auer, Diplom-Psychologe und Psychotherapeut in den Heiligenfeld Kliniken, können ein geringes Selbstwertgefühl sowie der Wunsch, den Vorstellungen Anderer entsprechen zu müssen, Gründe für eine Störung des Essverhaltens sein. Die Auslöser sind vielfältig und können bis auf seelische Verletzungen in der Kindheit zurückgehen. Der unterschiedliche Umgang mit diesen Problemen und die soziale Umgebung führen zu verschiedenen Krankheitsbildern. In allen Fällen wird das Essverhalten als Ventil für tiefliegende, verdrängte Gefühle genutzt. Die Nahrungsaufnahme dient dem psychischem Ausgleich und ist überlebensnotwendig. Im Fall von Essstörungen wird sie zur reinen „Kopfsache“, die natürliche Selbstregulation des Körpers wird übergangen.

Krankheitsbilder

An Anorexie Erkrankte wie Jonas streben danach, ihr Gewicht immer weiter zu reduzieren, um durch die Kontrolle über ihren Körper Stärke zu beweisen und ihr Selbstbild zu stärken. „Durch die Gewichtsabnahme und die Leistungen im Sport bekam ich Anerkennung von meinem sozialen Umfeld und fühlte mich stark“, berichtet Jonas. Als Indiz für Magersucht gilt ein sehr geringes Körpergewicht und ein BMI (= Körpergewicht in kg/Körpergröße in m zum Quadrat) von unter 17,5. An Bulimie Erkrankte hingegen können sich häufig beim Essen nicht zügeln und kompensieren das Übermaß an Nahrung durch Erbrechen, Abführen oder exzessiven Sport. Daher sind sie meist normalgewichtig. Die Betroffenen waren oft schon in Kindheit oder Jugend anorektisch, konnten es aber verheimlichen. Nach dem Überwinden der Anorexie ist die Bulimie geblieben, die in diesen Fällen meist bis ins hohe Alter bestehen bleibt.

Jochen Auer erläutert, dass Sportler, die auf ein niedriges Gewicht zur Ausübung ihrer Sportart angewiesen sind, besonders gefährdet für Anorexie und Bulimie sind. Dazu zählen beispielsweise Skispringer oder Turner –  besonders Jene, die sich in Richtung Spitzensport bewegen und unter hohem Leistungsdruck, z. B. von Seiten der Eltern, stehen. Dabei ist die Unterscheidung zwischen Ursache und Wirkung nicht eindeutig. Magersüchtige Männer neigen zu Sportarten, für die ein geringes Gewicht nötig ist. Dadurch verbergen sie unterbewusst ihre psychischen Probleme, bis es zum Krankheitsausbruch kommt. Sie ernten Komplimente für ihr geringes Gewicht, da sportlicher Erfolg gesellschaftlich anerkannt ist. Andererseits kann der Zwang, sein Gewicht zur Ausübung des Sports zu kontrollieren, auch eine Essstörung auslösen.

Adipöse versuchen oft, ihren Stress und Frust durch Essen zu kompensieren. „Essen hat mich getröstet und die dunklen Gedanken zeitweise vertrieben. Es half mir vor allem, wenn ich mich einsam fühlte“, sagt Phillip. Betroffenen fehlt die Kontrolle über ihr Essverhalten. Phillip erzählt, dass er sich regelmäßig extrem hastig über Unmengen an süßem und fettigem Essen hergemacht hat. Er berichtet: „Nach diesen Heißhungerattacken habe ich mich immer so geschämt.“ Häufig sind auch starke Zusammenhänge zwischen Depressionen und einem erhöhten Körpergewicht zu beobachten.

Behandlung von Essstörungen

Um gegen Essstörungen vorzugehen, reicht die reine Behandlung der Symptome wie Über- oder Untergewicht nicht aus. Es ist wichtig, die eigentlichen Ursachen zu identifizieren und zu bekämpfen. In Phillips Fall war das eine Depression: „Durch das berufliche Versagen bin ich in ein tiefes Loch gefallen, aus dem ich einfach nicht mehr heraus kam. Nur durch Essen konnte ich meine Sorgen für eine kurze Zeit vergessen.“ Jonas‘ Magersucht entstand durch ein verzerrtes Selbstbild, einen hohen Leistungsanspruch und fehlendes Selbstvertrauen. Um seinen Körper zu akzeptieren und sein Selbstbild zu korrigieren, ist ein gesundes Selbstwertgefühl nötig. Dieses ist durch die Entwicklung geprägt und entscheidend für unser Lebensgefühl und Glücksempfinden. Selbstwertgefühl wird nicht nur durch gute Leistungen und Erfolg gesteigert. Ebenso gilt es, die inneren negativen Empfindungen, die unsere Selbstwertschätzung verringern, zu identifizieren und zu verändern. Im Rahmen einer Selbstwertanalyse können die Probleme aufgedeckt und die Grundlagen zur Entwicklung von Selbstakzeptanz und Selbstliebe entwickelt werden. Denn ein Mensch, der sich selbst liebt und über positive innere Programme verfügt, die ihm Orientierung und Halt geben, ist widerstandsfähiger gegenüber seelischen Erkrankungen. Diese innere Stärke wird als Resilienz bezeichnet.

Um das eigene Essverhalten zu kontrollieren, kann Achtsamkeit erlernt werden. Denn vor allem die Art und Weise, wie wir essen, bestimmt unser Körpergewicht. Achtsamkeitsübungen können helfen, Verzehrsgewohnheiten bewusst zu machen und zu reflektieren, Probleme zu erkennen und direkt anzugehen. Dabei soll erlernt werden, auf die Signale des Körpers zu hören: Esse ich, weil ich wirklich Hunger habe oder weil ich gerade gestresst, gelangweilt oder gefrustet bin? Auch unbewusste Verhaltensweisen sollen dadurch erkannt und verändert werden. So kann die Kontrolle über das Essverhalten zurückzugewonnen und das natürliche Körpergewicht erreicht werden. Auf alle Fälle ist bei Essstörungen die Inanspruchnahme professioneller Hilfe von Psychologen zu empfehlen.

Diplom-Psychologe Jochen Auer erläutert, dass es keinen Unterschied zwischen den Krankheitsbildern bei Männern und Frauen gibt. Ursachen, Diagnose und Behandlung sind gleich. Der Großteil der Männer, die sich in den Heiligenfeld Kliniken in Behandlung begeben, sind adipös. Es wird vermutet, dass die Dunkelziffer der an Anorexie bzw. Bulimie leidenden Männer hoch ist. Es fällt ihnen schwer, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Auch Jonas berichtet, dass er sich lange geweigert hat, sich die Krankheit einzugestehen. Erst als der Arzt von einem lebensbedrohlichen Ausmaß sprach, begab er sich in Behandlung.

In den Heiligenfeld Kliniken erfolgt die Therapie von Essstörungen in zwei Phasen. In der ersten Phase wird eine kognitive Verhaltenstherapie durchgeführt. „Uns wurden klare Vorgaben für das Essverhalten gegeben, um einen Rahmen zu schaffen, in dem Veränderungen möglich sind. So reglementiert zu werden war zwar zuerst eine große Umgewöhnung, hat mir aber sehr geholfen“ erklärt Phillip. In der zweiten Phase wird der Patient auf der psychischen Ebene tiefenpsychologisch behandelt. Dafür ist eine spezielle Essstrukturgruppe vorgesehen. Diese zweite Phase ist eine Besonderheit der Heiligenfeld Kliniken, da in den meisten anderen Kliniken nur eine verhaltenstherapeutische Behandlung durchgeführt wird. Jonas und Phillip sind froh, endlich professionelle Hilfe in Anspruch genommen zu haben – und befinden sich auf dem „Weg zu einem besseren Leben“.

Literaturtipp:

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Nicht nur, was wir essen, entscheidet über unser (Über-)Gewicht, sondern vor allem auch, wie wir essen. Nur, wer sich bewusst mit seinem Ernährungsverhalten auseinandersetzt und seine Essentscheidungen eigenverantwortlich trifft, kann sein Gewicht langfristig reduzieren und ein gesünderes Leben führen. Die Kraft der Achtsamkeit hilft, unbewusste Entscheidungen und eingeschliffene Verhaltensweisen aufzudecken und zu durchbrechen. Es geht darum, herauszufinden, welche Gefühle sich hinter dem Essverhalten verbergen. Das 8-Schritte-Programm, bestehend aus Meditations-, Atem- und Achtsamkeitsübungen, die auf der Mediations-CD begleitet werden, stärkt die Wahrnehmung von Empfindungen und Bedürfnissen, hilft, zwischen Hunger- und Sättigungsgefühl zu unterscheiden und die richtige Entscheidung über das Essverhalten zu treffen. Die Übungen unterstützen beim Setzen von Grenzen und beim Schaffen von Selbstvertrauen.

 

Dieses Buch finden Sie im Buchshop Heiligenfeld

 

Veranstaltungstipp:

Akademie Heiligenfeld: Abnehmen durch Achtsamkeit

Sie lernen dabei, durch Achtsamkeit zunächst Ihr Essverhalten bewusst wahrzunehmen, um es dann auch zielgerichtet zu ändern. Mit dem bereits vielfach erfolgreich durchgeführten Training verändern Sie Schritt für Schritt Ihre Essgewohnheiten und erreichen somit Ihr Wunschgewicht.

Termin : 08.03.15 18:00 Uhr bis 10.05.15 12:30 Uhr

Ort: Parkklinik Heiligenfeld

Weitere Informationen zu dieser Veranstaltung finden Sie hier.

 

 

 

 

 

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Sophie Ritter

Sophie Ritter

Sophie Ritter ist Medienmanagerin (FH) und in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Heiligenfeld Kliniken sowie im Bereich Social Media tätig. Weitere Informationen zu den einzelnen Autoren finden Sie auch unter dem Menüpunkt "Über den Blog und seine Autoren".

1 Kommentar


  1. Tue deinem Leib etwas Gutes, damit deine Seele Lust hat, darin zu wohnen. (Teresa von Avila)

    Wie in vielen Bereichen des Lebens, spielen Zeit und Rhythmus auch in der Ernährung eine wichtige Rolle. Wenn ich darauf achte, meine Mahlzeiten (die Vergnügen bereiten und den Körper gesund erhalten sollen) in regelmäßigen Abständen einzunehmen, sie mit Achtsamkeit, Bewusstheit und Dankbarkeit konsumiere, verringert sich die „Gefahr“ der Heißhungerattacken, das ist meine persönliche Erfahrung. Die Folge ist ein wohliges Körpergefühl. Das Alter/Älter-Werden dankt es durch Abwesenheit körperlicher Erkrankungen. Eine regelmäßige Yoga-Praxis hilft uns, frühzeitig Signale des Körpers wahrzunehmen und auf diese durch entsprechende Übungen zu antworten, um dem Körper seine Balance zurückzugeben. Meine Seele freut sich, in einem gesunden Körper inkarniert zu sein. Zu einer ganzheitlichen Lebensweise gehören die Pflege des Körpers, der Seele und des Geistes.
    Von Herzen wünsche ich allen, die durch eine seelische Dysbalance in Anorexie oder Adipositas geraten sind, Kraft, Mut und Zuversicht auf dem Weg des Lebenswandels, an dessen Ziel Lebensfreude steht.

    Zuzanna Heinrich

    Antworten

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