„Ich teile mich, ich bin so schön“

"Ich teile mich, ich bin so schön"

Stellen Sie sich bitte einmal Folgendes vor: Es ist Sommer, warme 29 Grad Celsius, im Schatten des Sonnenschirms, unter dem Sie sitzen, wunderbar auszuhalten. Unter sich spüren Sie das Handtuch, Ihre Fußsohlen sind am Ende des Liegestuhls locker aufgestellt, und wenn Sie Ihre freie linke Hand herabhängen lassen, berühren Ihre Finger den feinen Sand, graben sich hinein. Wenn Sie die Augen geschlossen haben, dann hören und riechen Sie das Meer, nur wenige Meter von Ihnen entfernt, und wenn Sie Ihre Augen öffnen, geht Ihr Blick ungestört ins Weite. Blau in Blau. Sie atmen tief ein und aus, und nichts trübt in diesem Moment ihr Glück, Ihre Zufriedenheit mit sich und der Welt. Es gibt gerade nichts zu tun, alles ist perfekt. Ein einmaliger Moment… den es unbedingt festzuhalten gilt. Sie richten sich etwas auf, ganz leicht nur, um kein unschönes Doppelkinn zu haben, heben die rechte Hand mit ihrem Smartphone darin, der Daumen weiß genau, was er zu tun hat: Klick! – „Life’s good :-)“ – Upload – Likes! Likes! Likes!

So oder so ähnlich läuft es mittlerweile millionenfach ab, Stunde für Stunde, Tag für Tag. Die sozialen Medien, allen voran Facebook und Instagram, haben das menschliche Verhalten grundlegend beeinflusst, in einer so umfassenden Art und Weise, dass man sich heute kaum noch an die „Zeit davor“ erinnern kann. Vielleicht ist dies eine gewagte Behauptung. Fakt ist jedoch: Unser Alltag wird zunehmend durch digitale Medien geprägt – hinsichtlich der Möglichkeiten zur Informations- und Wissensbeschaffung genauso wie auch bezüglich der Art und Weise, wie wir uns im sozialen Miteinander präsentieren. Und das bedeutet in vielen Fällen eben auch: Der Welt zu zeigen, dass es mir gerade richtig gut geht und ich einen perfekten Urlaub genieße.

Weltweit nutzen mehr als 1 Milliarde Menschen die Plattform Instagram, 15 Millionen stammen aus Deutschland (Quelle: http://www.futurebiz.de/artikel/instagram-statistiken-nutzerzahlen/). Am 6. Oktober 2010 wurde Instagram offiziell eingeführt und im April 2012 für 1 Milliarde Dollar an Facebook verkauft; zu einer Zeit, als es „lediglich“ 30 Millionen Nutzer hatte (Quelle: https://www.brandwatch.com/de/blog/instagram-statistiken/). Doch der Siegeszug war rasant – und ist es auch weiterhin. Die „Instagramisierung“ der Welt ist in vollem Gange!

Heute ist es für die meisten Menschen eine Selbstverständlichkeit, sich online zu informieren, zu shoppen oder Kontakte zu pflegen. Das Internet bietet hierzu – verglichen mit der Zeit vor „www“ – bisher ungekannte Möglichkeiten. Nahezu jeder kann es nutzen, und mit nur wenigen Klicks und vergleichsweise geringem Aufwand können Menschen sich der Weltöffentlichkeit präsentieren. Auf der ganz großen Bühne. Und in einer Art und Weise, die mit dem „echten Selbst“ vielleicht gar nicht mehr so viel zu tun hat.

Fakt ist, dass es uns Menschen ein Grundbedürfnis ist, wertgeschätzt, beachtet … einfach gemocht zu werden. Es geht um Anerkennung im sozialen Miteinander, um Bestätigung für unser Verhalten, unsere Sichtweise, und ganz tief drinnen um uns als Person an sich. Das Internet – und eben vor allem Plattformen wie Instagram, Facebook oder Youtube – bieten uns hierfür eine (scheinbar) ideale Ausgangslage. Daran zu partizipieren ist denkbar einfach, und rasch erhalten wir für unsere hochgeladenen Fotos, Kommentare oder Videos Likes, zustimmende Reaktionen und Follower. Vorausgesetzt, wir bedienen mit unseren Inhalten die Erwartungen der Community, also der Netzgemeinde. Im umgekehrten Fall nimmt uns entweder so gut wie niemand wahr, oder die Reaktionen sind abwertend und beleidigend bis hin zu massivsten Beschimpfungen oder Drohungen.

Erhalten wir für unsere Postings und Kommentare positives Feedback, fühlt sich das mitunter unglaublich gut an. Wir erleben, was es bedeutet, angenommen zu sein, gesehen und wertgeschätzt zu werden, dazuzugehören. Wir wissen, dass wir mit unseren Inhalten richtig liegen. Oder? Zunächst einmal ist es so, dass unser Gehirn keine Unterscheidung trifft zwischen einem echten „Schulterklopfen“ und einem virtuellen „Daumen hoch“. Beides fühlt sich im ersten Moment gleich gut an. Jedoch gewöhnen wir Menschen uns an positive Rückmeldungen relativ rasch, sodass es – um stets dasselbe Hochgefühl zu erleben – einer regelmäßigen „Dosissteigerung“ bedarf. Soll heißen: Während man sich anfangs noch riesig über 10 digitale Bestätigungen in Form roter Herzen oder gestreckter Daumen gefreut hat, sind nach kurzer Zeit diese 10 Rückmeldungen entweder das erwartete absolute Minimum oder noch weniger. 10? Das ist doch gar nichts! Habe ich vielleicht etwas falsch gemacht? Schafft man es hier nicht, eine gewisse Distanz einzunehmen, kann sich die fehlende Bestätigung wie eine echte Bestrafung anfühlen, wie eine Ablehnung, ein Im-Stich-Gelassen-Werden. Um diesem mitunter extrem unangenehmem Gefühl zu entgehen, versucht man die vermeintlichen Erwartungen zu erfüllen, inszeniert und beschönigt, stellt in Frage und zweifelt vielleicht immer mehr am eigenen So-Sein, das offenbar nicht interessant oder attraktiv genug ist.

Ein Problem dabei ist: Wir bewerten diese digitalen Reaktionen „wie im echten Leben“, sollten aber zu unserem eigenen Schutz stets das Bewusstsein haben, dass ein Kontakt von Mensch zu Mensch grundlegend andere Qualitäten und Möglichkeiten mit sich bringt. Immer wieder wird darüber geschrieben und gesprochen, dass die digitalen Plattformen für Narzissten, Selbstdarsteller und „Möchtegerne“ idealer Nährboden sind, was in manchen Fällen auch durchaus zutreffen mag. Das Internet ist grenzenlos, und ebenso grenzenlos sind die Spielarten menschlichen Verhaltens, die man hier finden kann. Sitzt man dem Irrglauben auf, dass Menschen genauso sind, wie sie sich im Internet präsentieren – so schön, so erfolgreich, so sehr vom Glück verfolgt – kann sich das eigene Leben rasch wie eine langweilige Aneinanderreihung ereignisloser, grauer Tage anfühlen. Denn auch hier vergessen wir nur zu gerne: Jedes Foto, jeder Post und jeder Kommentar ist eine Entscheidung, ein selektiver Moment der Selbstdarstellung, vielleicht fünf Prozent des „echten Lebens“ – fünf Prozent, die in der kumulierten Masse aller Postings oft wie 100 Prozent anmuten.

Die Selbstdarstellung im Internet macht uns alle zu Produzenten eines Bildes, welches wir von uns in die Welt tragen – in einem noch viel perfekteren Ausmaß, als wir uns auch im echten Leben, in persönlichen Kontakten „von unserer besten Seite“ zeigen wollen. Unser Internet-Selbst ist in vielen Fällen gebügelt, poliert und perfekt beleuchtet, vielleicht aber unter der idealen Oberfläche auch ziemlich zerbrechlich und auf wackeligen Beinen. Wir alle sehnen uns nach Kontakt, nach menschlicher Nähe und Wärme, die manche jedoch zu einem großen Teil im Display ihres Smartphones und Tablets suchen. René Greiner, Psychologe in den Heiligenfeld Kliniken, sagt dazu: „Vielleicht sollte man öfter mal den Bildschirm schwarz lassen und den Menschen in die Augen schauen, die gerade um uns herumstehen. Sofern diese nicht gerade selbst auf ihr Smartphone blicken.“

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René Greiner

René Greiner ist als Diplompsychologe in der Marketingabteilung der Heiligenfeld Kliniken. Er ist zuständig für die Koordination der Zusammenarbeit mit den Psychotherapeuten und Ärzten der Klinik und für die fachspezifische Bearbeitung von Texten. Zuvor war er lange als Psychologe in der Parkklinik Heiligenfeld tätig.

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