Leben begleiten – Tipps zum Umgang mit depressiven Angehörigen

Traurigkeit, Rückzug vom sozialen Umfeld, Lustlosigkeit, Vernachlässigung von Hobbies und Freunden, ständig negative Gedanken, Gefühllosigkeit: Das alles können Anzeichen einer Depression sein. Bemerkt man bei einem Angehörigen eine solche einschneidende Veränderung, ist meist die Verunsicherung groß. Fragen wie “Habe ich etwas falsch gemacht?” und “Liebt er/sie mich überhaupt noch?” können die Folge sein. Menschen, die an Depressionen erkrankt sind, zeigen oft die genannten typischen Verhaltensweisen. Doch wie reagiert man am besten als Angehöriger darauf? In Ruhe lassen? Gute Ratschläge geben? Zum Arzt “schleifen”?
Viele Angehörige entwickeln selbst Schuldgefühle oder ärgern sich über den depressiven Menschen, weil sie sich hilflos fühlen und kaum Einfluss auf den Betroffenen haben. Gutes Zureden hilft nicht, Ratschläge können gar nicht ernst genommen werden. Dauert die Depression länger an, stellt sich bei den Angehörigen oft ein Gefühl von Überlastung und Erschöpfung ein, weil sie einem Depressiven viele Aufgaben abnehmen müssen. Doch aussichtslos ist die Situation keinesfalls. Depressionen sind in der Regel gut behandelbar, wenn sie erkannt und von erfahrenen Ärzten und Therapeuten individuell behandelt werden. Doch auch als Angehöriger kann man etwas tun.

Folgende Tipps können Angehörigen von Menschen, die an einer Depression leiden, helfen mit der Erkrankung umzugehen.Maxim-Malevich_Fotolia_1953386_XL

Akzeptieren Sie die Depression als Erkrankung: Eine Depression ist meist eine schwere Erkrankung, die Antrieb, Stimmung, Schlaf, die Fähigkeit Freude zu empfinden sowie andere Aspekte des Erlebens betrifft. Dabei ist eine Depression auf keinen Fall Zeichen für eine persönliche Charakterschwäche. Seien Sie sich bewusst, dass es jeden treffen kann. Untersuchungen zufolge leiden etwa 30 Prozent der Bevölkerung innerhalb eines Jahres an einer diagnostizierbaren psychischen Störung. Am häufigsten sind Depressionen, Angststörungen, psychosomatische Erkrankungen und Suchterkrankungen.

Informieren Sie sich: Obwohl das Thema Depression immer mehr in die Öffentlichkeit rückt, wissen viele Menschen noch sehr wenig über diese Erkrankung. Alles “Psychische” wird häufig ausgeblendet und nicht wahrgenommen. Doch meistens hilft es schon, wenn man weiß, mit welcher Erkrankung man es zu tun hat, durch was sie ausgelöst wird und wie man sie behandeln kann. Wissen Sie z. B., dass auch Menschen, die immer aktiv sind und nie zur Ruhe kommen an einer Depression leiden können, die sie durch ihre Hyperaktivität überspielen? Auch über die Möglichkeiten der Behandlung können Sie sich informieren. Hilfe bekommen Sie  z. B. bei ambulanten Beratungsstellen, die bei Sozialdiensten oder Kirchen angesiedelt sind. Oft beruhigt einen schon allein die Tatsache zu wissen, welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt und dass Depressionen im Allgemeinen gut behandelbar sind. Die Beratungsstellen können einem auch weitere Tipps zum Umgang mit depressiven Angehörigen geben.

Suchen Sie das Gespräch: Depressive Menschen sehen den Grund für ihren Zustand oft nicht in einer Erkrankung, sondern machen persönliches Versagen und Verschulden dafür verantwortlich. Wenn Sie sich über Behandlungsmöglichkeiten informiert haben, suchen Sie das Gespräch mit Ihrem Angehörigen. Schildern Sie Ihre eigene Wahrnehmung z. B. so: “Ich habe bemerkt, dass es dir nicht gutgeht und dass es dir schwer fällt, morgens aufzustehen. Ich würde gerne mit dir gemeinsam nach einer Möglichkeit suchen, wie es dir wieder besser gehen kann.” Manchmal hilft den Betroffenen schon, dass sie jemand wahr- und ernstnimmt.

Suchen Sie ärztliche Hilfe: Wie bei anderen schweren Erkrankungen auch, sollten Sie so rasch wie möglich ärztliche Hilfe suchen, falls Sie eine Depression bei einem Angehörigen vermuten. Schlagen Sie Ihrem Angehörigen z. B. vor, für ihn einen Termin auszumachen bzw. ihm dabei zu helfen. Seien Sie aber auch auf Ablehnung gefasst. Viele Menschen wagen erst den Weg zum Arzt, wenn der Leidensdruck kaum mehr auszuhalten ist und sie sich nicht mehr anders zu helfen wissen. Manchmal können auch physische Beschwerden den Weg zum Arzt ebnen, bei dem dann die psychische Ursache der Erkrankung festgestellt werden kann.

Zeigen Sie Geduld: Viele Depressive klagen und sind verzweifelt, wirken ohne Hoffnung. Sie lehnen Hilfe oder Angehörige manchmal komplett ab und ziehen sich zurück. Beweisen Sie in solchen Situationen Geduld und sagen Sie Ihrem Angehörigen, dass die Depression eine Erkrankung ist, die sich sehr gut behandeln lässt. Versuchen Sie nicht, den Betroffenen davon zu überzeugen, dass seine Schuldgefühle übertrieben sind. Er wird sich einfach nur unverstanden fühlen.
Auch ein Streit darüber, ob die negative Sichtweise gerechtfertigt ist, hat keinen Sinn. Depressive Menschen sind in ihren Empfindungen wie “gefangen”. Die Fähigkeit des Perspektivwechsels ist oft nicht möglich. Werten Sie die intensiv erlebten körperlichen Missempfindungen des Depressiven und dessen Ängste vor körperlichen Erkrankungen nicht als übertrieben oder “nur Spinnerei” ab. Denn depressive Menschen übertreiben ihr Erleben nicht, sie fühlen es wirklich so. Wenden Sie sich nicht ab, auch wenn Ihr depressiver Angehöriger selbst ablehnend erscheint. Er braucht Sie!

Überfordern Sie sich nicht: Wenn die Depression bei Ihrem Familienmitglied oder Freund über Monate anhält, ist das für Sie vermutlich sehr belastend. Beachten Sie Ihre eigenen Grenzen der Belastbarkeit und verlieren Sie Ihre Interessen nicht völlig aus den Augen. Pflegen Sie Ihren Freundeskreis und gönnen sich öfter etwas Gutes. Auch Sie sind wichtig!
Bauen Sie ein Netzwerk auf, das Sie unterstützt und Ihnen hilft. Machen Sie nicht den Fehler, sich aus unbegründeten Schuldgefühlen für Ihren an Depressionen erkrankten Angehörigen gänzlich aufzuopfern. Damit überfordern Sie sich, und davon hat letztlich niemand etwas.

Seien Sie vorsichtig mit gut gemeinten Ratschlägen: Empfehlen Sie einem depressiven Menschen nicht, mal richtig abzuschalten und für ein paar Tage zu verreisen. Gerade Menschen mit schweren Depressionen erleben in einer nicht vertrauten Umgebung ihre Freudlosigkeit manchmal noch weitaus schmerzhafter. Manchmal kann ein Ortswechsel aber auch kleine Wunder bewirken. Einfach mal raus und die Seele baumeln lassen… Da es verschiedene Arten von Depressionen gibt, hilft ein Ortswechsel meist nur bei den leichteren Depressionsformen. Ein schwer depressiver Mensch wird mit Ihnen eher nicht einen Spontanurlaub verbringen. Sie können aber wieder mit Ihrem Angehörigen zusammen überlegen, was ihm guttun könnte. Vielleicht hat er da schon eine Idee.
Sagen Sie einem Menschen mit Depressionen nicht, er solle “sich zusammenzureißen”. Sie verlangen etwas, das ein depressiver Mensch nicht erfüllen kann, und verstärken damit vielleicht sogar seine Schuldgefühle. Unterstützen Sie Ihren depressiven Angehörigen, wenn er Eigeninitiative zeigt. Begleiten Sie ihn zum Arzt, wenn er Sie darum bittet.

Treffen Sie keine weitreichenden Entscheidungen: Beachten Sie, dass Depressive viele Dinge verzerrt sehen und manche Entscheidungen sicher anders treffen würden, wenn die Depression abgeklungen ist. Berücksichtigen Sie dies in allen Angelegenheiten, die für die private oder berufliche Zukunft von Bedeutung sind.
Seien Sie einfach da: Jemanden an seiner Seite zu wissen, der zu einem steht, ist unbezahlbar.

Ob Sie oder Angehörige vielleicht von einer Depression betroffen sein könnten, können Sie auch anhand von Checklisten herausfinden. Die Checkliste “Depression” der Heiligenfeld Kliniken können Sie sich nachfolgend herunterladen: Heiligenfeld_Checkliste_Depressionen
Weitere Informationen zum Thema Depression und die Behandlungsmöglichkeiten in den Heiligenfeld Kliniken finden Sie z. B. auf der Seite der Parkklinik unter Depression.

Quellennachweis: https://www.netdoktor.de, eigene Therapeuten der Heiligenfeld Kliniken, Foto: Maxim Malevich – fotolia.de

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Kathrin Schmitt

Kathrin Schmitt

Kathrin Schmitt ist Kommunikationsmanagerin und seit 2009 bei den Heiligenfeld Kliniken unter anderem für den HeiligenfeldBLOG verantwortlich. Schreiben gehört zu ihren größten Leidenschaften.

5 Kommentare


  1. Es wäre schön, wenn man nach dem „… finden Sie hier:“ tatsächlich Links finden würde.

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  2. Kathrin Schmitt

    Liebe Anja,
    Sie haben völlig Recht, da fehlt der Link. Entschuldigen Sie bitte! Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Link sofort ergänzt. Wenn Sie nun auf Depression klicken, kommen Sie direkt zur Parkklinik Heiligenfeld. Selbstverständlich können auch in unseren anderen Kliniken (Fachklinik und Rosengarten Klinik) Menschen mit Depressionen behandelt werden.

    Herzliche Grüße
    Ihre Kathrin Schmitt

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  3. Danke für die Tipps. Es ist nur sehr schwer – mein Bruder ist bereits seit 20 Jahren in dieser Krise, anfangs leicht, durch ein falsches Umfeld an Drogen wie Haschisch und Marihuana geraten, er hat ein Fachabi und hatte damals beruflich viele Träume. Leider hat er nie Hilfe angenommen, keine Ausbildung gemacht und wohnt seit Jahren in einer dunklen Stadtwohnung, geht nur noch in der Dunkelheit einkaufen und sonst nicht raus. Kann keine Termine alleine wahrnehmen. Ich selbst musste mir damals von einem Arzt sagen lassen, mich nicht mehr zu sehr da hinein zu hängen aus eigenem Schutz. Die damalige Selbsthilfegruppe für Angehörige hat mir nicht so sehr geholfen. Mein Bruder und ich hatten früher einen sehr guten und vertrauten Kontakt zueinander. Er lässt Niemanden mehr an sich ran, meldet sich bei mir seit Jahren nicht mehr. Kontaktversuche von meiner Seite blieben bisher erfolglos. Ich würde meinem Bruder gerne helfen, mir tut es schon seit Jahren sehr weh, wie sein Leben aussieht. Aber ich weiss mir einfach keinen Rat. Selbst Besuche wie früher….er macht die Türe nicht auf.
    Wer hat vielleicht Ähnliches erlebt, ist irgendwie weitergekommen, mit positivem Ausgang und kann mir Tipps und Infos geben? Würde mich sehr freuen. Vielen lieben Dank dafür. Diana

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  4. Na ja, gegen Depression ist die Gesellschaft ein wirkendes Mittel! Bei der Freundin ist es der Fall, warum sie nach der Trennung immer so traurig bleibt. Danke für die wissenswerten Tipps!

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  5. Vielen Dank für den informativen Beitrag. Ich war letzte Woche wegen Depression bei einer ambulanten Pflege. Damals hatte ich Angst davor, dass ich in der Zukunft nicht mehr alleine leben kann. Aber die Leute von dem Pflegeheim sind so positiv und ich glaube, dass mehr Leute darüber informiert werden sollen.

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