Leben an der Grenze? – Was ist Borderline wirklich?

Laut des Online-Gesundheitsportals Onmeda leiden etwa zwei Prozent der Gesamtbevölkerung unter einem Borderline-Syndrom. Die Heiligenfeld Kliniken in Bad Kissingen, darunter vor allem die Fachklinik Heiligenfeld, sind auf Menschen mit Borderline-Erkrankungen spezialisiert. Doch was versteht man überhaupt unter dem Begriff “Borderline”? Der Leitende Arzt der Fachklinik Heiligenfeld Michael Koch erklärt im folgenden Interview, was Borderline ist und wie es behandelt werden kann.

 
Michael KochHerr Koch, was ist Borderline überhaupt?
Das Borderline-Syndrom wird auch als Borderline-Störung bezeichnet und zählt zu den Persönlichkeitsstörungen. Der Begriff “Borderline” kam vor vielen Jahren auf. In meinem Studium in den 80er Jahren hat er sich langsam entwickelt, war aber lange nicht anerkannt. Damals war es so, dass es zwei Arten von psychischen Störungen gab. Zum einen die eher neurotischen Fälle,  z. B. einer Depression, die biografisch, also die Lebenssituation zurückzuführen sind. Zum anderen gab es die im engeren Sinne psychiatrischen Fälle, bei denen von einer eher biologischen Störung ausgegangen wurde. Doch dann wurde klar, dass es noch einen Zwischenteil gibt, der zwischen den neurotischen und den psychiatrischen Störungen liegt. Deshalb der Begriff “Borderline”, da sich die Erkrankten im Grenzbereich zwischen Neurose und Psychose bewegen.
 
Wie äußert sich eine solche Erkrankung? Welche Symptome haben Betroffene?
Die Krankheit äußert sich zum einen durch extreme emotionale Spannungen und extreme Gefühlsschwankungen. Menschen mit einer Borderline-Erkrankung können ihre Gefühle schwer regulieren und handeln sehr impulsiv und wechselhaft. Sie sind bei einer neuen Stelle zunächst euphorisch, und verkehren das Urteil plötzlich völlig ins Gegenteil, wenn Schwierigkeiten auftreten. Auch bei der Partnerwahl ist häufig zu erleben, dass der neue Partner zunächst heftige positive Gefühle auslöst, aber auch da schnell extreme Wechsel zu Gefühlen von Abneigung oder gar Hass entstehen.
 
Häufig zeigen Menschen mit Borderline auch ein selbstgefährdendes Verhalten. Sie nehmen Drogen, fahren zu schnell Auto oder Selbstverletzung ist ein großes Thema. Sie fügen sich zum Teil Schnittverletzungen oder Brandwunden zu.
 
Was sind die Ursachen für eine Borderline-Erkrankung?
Gerade in der letzten Zeit wird zunehmend durch Studien nachgewiesen, dass der überwiegende Teil der Patienten mit Borderline schwere bis schwerste Erlebnisse in der Kindheit hatte. Dabei handelt es sich nicht um traumatisierende Einzelsituationen, sondern um langandauernde Zerrüttungen in der Herkunftsfamilie. Therapeuten sprechen von “kumulierten Traumen”. Beispiele hierfür können ein völlig zerrüttetes Elternhaus oder jahrelange Misshandlungen durch Gewalt oder sexuellen Missbrauch durch Angehörige sein.
 
Ist Borderline behandelbar?
Früher galt Borderline als eine unheilbare Krankheit. Das ist heute nicht mehr so. Es gibt wirklich gute und fruchtbare Therapien, die die Patienten dazu befähigen, ein geordnetes und selbstbestimmtes Leben zu führen. Das ist ganz wichtig zu wissen. Denn häufig haben die Menschen eine so große Angst vor der Diagnose Borderline, da sie denken, sie seien damit unheilbar krank.
 
Was lernen die Patienten in der Therapie in Heiligenfeld sonst noch?
Borderline-Patienten lernen in Heiligenfeld sich im Umgang mit extremen Gefühlen zu steuern, d.h. handlungsfähig zu bleiben trotz innerlich empfundener Spannung. Dazu müssen auch wichtige Erlebnisse in der Kindheit betrachtet werden.
Mit Borderlinern zu arbeiten ist manchmal eine besondere Herausforderung, weil die Patienten-Therapeuten-Beziehung denselben Spannungen unterliegt, wie die spannungsgeladenen Beziehungen in der Vergangenheit. Aber wir tun diese Arbeit gern.
 
Verändert sich die Krankheit im Laufe der Zeit?
Wir machen die Erfahrung, dass die Beeinflussung von einer Borderline-Erkrankung oft langwierig ist. Unsere Patienten sind bis zu 12 Wochen bei uns in der Klinik und benötigen oft mehrere Male stationäre Therapie, um dauerhaft zu profitieren. Wir können an der Lebensgeschichte nichts verändern, aber wir können den Menschen helfen, mit ihrer Lebensgeschichte umzugehen und ihr Leben nach vorne auszurichten.
 
Das Gespräch führte Kathrin Schmitt
 
Weitere Infos zur Behandlung von Borderline in den Heiligenfeld Kliniken erhalten Sie hier:

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Kathrin Schmitt

Kathrin Schmitt

Kathrin Schmitt ist Kommunikationsmanagerin und seit 2009 bei den Heiligenfeld Kliniken unter anderem für den HeiligenfeldBLOG verantwortlich. Schreiben gehört zu ihren größten Leidenschaften.

2 Kommentare


  1. Hallo,
    meine Mutter ist vor ein paar Tagen gestorben. Dieser Schmerz führt bei mir zu dem Wunsch ebenfalls Sterben zu wollen. Unabhängig davon habe ich den Wunsch immer wieder ,begleitet von einer unendlichen Traurigkeit. Dieses Gefühl anders zu sein und niemals verstanden zu werden bringt mich um. Menschen wie ich werden niemals von der Gesellschaft akzeptiert werden. Im Gegenteil: es geht einem noch schlechter. Ständig ist man alleine auch wenn Freunde oder Familie um einen rum sind. Ich sehe kein Licht am Ende des Tunnels. Es gibt nichts positives. Ich komme aus einer zerütenden Familie. Zudem wurde ich als kleines Kind von einem Nachbarn missbraucht. In diesem Artikel habe ich gelesen ,das diese gemeine und komplizierte Erkrankung heilbar sein soll. Sorry aber das kann ich nicht glauben. Das aushalten dieser ewig währender Leere ist nur mit Hilfsmitteln zu schaffen oder besser gesagt zu ertragen. Ich weiss nicht mehr weiter. Deswegen habe ich jetzt etwas zu diesem Artikel geschrieben. Hoffentlich bekomme ich wieder mal die Kurve. Oder ein impuls lässt mich ENDLICH aus dem Leben scheiden

    Antworten
    1. René Greiner

      Liebe/r Blackspinn,

      ich schreibe Ihnen das Nachfolgende als direkte Reaktion auf Ihren Kommentar, und hoffe sehr, Sie damit erreichen zu können. Ich schreibe Ihnen als Psychologe mit mehrjähriger Erfahrung auch in der Begleitung von Patientinnen und Patienten mit „Borderline“ und werde versuchen, genauso authentisch und ehrlich zu schreiben wie Sie es getan haben.
      Sie haben vollkommen recht: Mit dem zu leben, was Sie tagtäglich erfahren, kostet wahnsinnig viel Kraft und kann immer wieder auch an eine Grenze bringen, an der man mit dem ganzen Schmerz nichts mehr zu tun haben will, ihn endlich los sein will. Die Leere, die Sie beschreiben, die unendliche Traurigkeit und auch das Gefühl, „anders“ zu sein, nicht dazuzugehören und nicht verstanden zu werden, kann zermürben. Würde ich behaupten, Sie absolut zu verstehen, dann würden Sie mir wahrscheinlich nicht glauben, und Sie hätten sicher auch hier wieder recht, denn das emotionale Chaos, in dem Sie sich allzu oft wiederfinden, ist für Außenstehende nicht vollkommen begreifbar. Aber ich kann Ihnen aus meiner therapeutischen Arbeit heraus sagen, dass es neben all dem ganzen „Mist“, den Sie in Ihrem Leben ertragen mussten und aktuell wahrscheinlich auch ertragen müssen, trotzdem Hoffnung darauf geben kann, dass es besser wird. Ich glaube, Sie kennen auch solche Momente, sonst hätten Sie nicht geschrieben: „Hoffentlich bekomme ich wieder mal die Kurve.“ Ich habe meine Patientinnen und Patienten in beiden Phasen erlebt – den schrecklichen und den besseren, die Schrecklichen mit ihnen durchgestanden, und ich habe erlebt, wieviel Veränderung durch menschlichen Kontakt möglich ist. Dieser Kontakt kann wahnsinnig verletzen, er kann aber auch Schmerzen lindern. Der Verlust Ihrer Mutter tut mir leid! Ich hoffe sehr für Sie, dass Sie es trotzdem schaffen, auch in dieser schweren Situation „die Kurve zu kriegen“. Es mag sein, dass Borderline nicht „heilbar“ ist. Und es stimmt auch, dass der Schmerz manchmal nur mit Hilfsmitteln zu ertragen ist. Wenn ich Ihren Kommentar lese, dann habe ich den Eindruck, dass Sie in Ihrem Leben bereits sehr viel gekämpft und durchgestanden haben, und es wird etwas in Ihnen geben, dass Ihnen hierbei geholfen, Kraft gegeben hat. Aktuell schreiben Sie, dass Sie nicht weiter wissen, aber Sie finden die Kraft, sich über diesen Kommentar mit uns in Verbindung zu setzen. Weiter so! Gehen Sie in Kontakt mit anderen! Das sind die Momente, in denen meine Patienten wieder aus dem Tal herausgekommen sind. Langsam, manchmal ganz langsam, aber trotzdem.

      Ich wünsche Ihnen alles Gute!

      René Greiner

      Antworten

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