Systemische Therapie

Systemische Therapie

Wir Menschen leben in sozialen Systemen, egal ob Familie, Freundeskreis oder der Arbeit. Diese Systeme haben Einfluss auf uns und unser Leben, weshalb der soziale Kontext psychischer Erkrankungen eine große Rolle in der Therapie spielen kann. Aus diesem Grund ist die Systemische Therapie Bestandteil des integrativen Therapiekonzepts der Heiligenfeld Kliniken. Kerstin Hamme-Hategekimana erklärt im Interview, was man genau unter Systemischer Therapie versteht und was sie den Patienten genau bringt.

Was versteht man unter Systemischer Therapie?

Systemische Therapie ist eine eigene Therapierichtung. Im Unterschied zu Tiefenpsychologie, Verhaltenstherapie, Körperpsychotherapie oder noch anderen Richtungen, die es noch in der Psychotherapie gibt. Bei der Systemischen Therapie schaut man primär nicht auf die einzelne Person, sondern man schaut sich Systeme oder Felder an. Das bedeutet, wenn jemand mit einer Essstörung oder Depression zu mir kommt, dann würde ich nicht primär danach fragen, was ist das Problem oder was bringt die einzelne Person mit, sondern man schaut sich das ganze System, die Familie, die Beziehungen, den Mensch mit den verschiedenen Anteilen an. Also den Menschen, der im Kontext steht. Kontext von Beziehungen, Kontext von Gesellschaft, Kontext von größeren Zusammenhängen. Es geht dabei um Beziehungen oder Zusammenhänge. Besonders gut gefällt mir an Systemischer Therapie, dass sie ein ganz positives Menschenbild hat, also ein humanistisches Menschenbild bei dem es darum geht, Lösungen zu suchen wo man nicht den einzelnen Menschen sieht, der ein Problem hat. Man sieht stattdessen den Menschen, der mit Ressourcen begabt ankommt. Also auch jemanden, der in sich ganz viele Möglichkeiten und Potenzial hat. Und jemand, der im Leben bereits sehr viel gemeistert hat. Und das gefällt mir sehr gut, weil es ein positives Menschenbild ist. Dann möchte ich noch sagen, dass der Begriff Systemische Therapie für unsere Therapiegruppe in der Klinik vielleicht etwas zu weit gefasst ist. Besser wäre für unsere Gruppe der Begriff systemische Aufstellungsarbeit. Systemische Therapie wäre nämlich noch ein weiteres Feld. 57

Für wen ist die Therapiegruppe geeignet?

Im Grunde ist die Therapiegruppe für jede Person in der Klinik geeignet, die Interesse hat, Zusammenhänge zu verstehen. Man kann zum Beispiel systemische Aufstellungsarbeit machen, um Familienzusammenhänge zu verstehen. Ich könnte aber auch berufliche Situationen aufstellen. Oder was ich auch sehr gerne in der Gruppe mache, Persönlichkeitsanteile aufstellen, den Kritiker, die liebevolle Frau oder die professionelle Frau aufstellen oder die Ängstliche aufstellen. Also verschiedene Persönlichkeitsanteile aufstellen, die meist nicht in Harmonie miteinander stehen. Oft steht der Kritiker im Vordergrund, der etwas schlecht macht. Das heißt, man kann ganz unterschiedliche Systeme aufstellen. Familie, Beruf, Persönlichkeitsanteile, gesellschaftliche Systeme. Es gibt also viele Möglichkeiten.

Wie kann man sich eine systemische Aufstellung vorstellen?

Der Ablauf in einer solchen Gruppe ist, dass wir erst einmal ankommen wollen und etwas in die Stille gehen. Also eine kurze Meditation, kurze Achtsamkeit, um erst einmal wirklich zu spüren. Danach erkläre ich nochmal für die, die neu sind, was wir in der Gruppe machen. Anschließend frage ich, welche Anliegen vorhanden sind. Ich frage also danach, wer Lust hätte eine Aufstellung zu machen. Idealerweise bringen dann die Patientinnen oder Patienten schon Themen und Anliegen aus der Kerngruppe oder anderen Zusammenhängen mit. Ein Anliegen wird ausgewählt, eine Frage gestellt und danach besprechen wir das in der Gruppe auch ein wenig, gehen aber in diesem Gespräch bei dem Thema nicht zu sehr in die Tiefe. Das heißt, wir müssen gar nicht alle Einzelheiten wissen. Wir wissen das Thema, wir wissen den Kontext, aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht alles. Das würde man eher in der Psychotherapie, in der Einzeltherapie näher besprechen.

Und wie geht es dann weiter?

Bei uns geht es eher darum, dass man Stellvertreter auswählt. Wenn ich zum Beispiel eine Aufstellung von meiner derzeitigen Familie mache, dann würde ich Vertreter wählen und die Teilnehmer in der Gruppe fragen „Würdest du meine Mutter, würdest du mein Vater oder meine Tochter sein?“ Wenn ich dagegen Persönlichkeitsanteile aufstelle, würde ich die Frage stellen „Würdest du mein Kritiker sein, würdest du meine Blockade sein, würdest du meine Lebenslust sein?“ Die Person kann dann Ja oder Nein sagen. Anschließend werden die Personen dann aufgestellt. Die Patienten fragen manchmal „Woher weiß ich denn, was ich sagen muss?“ Ich  erkläre dann, dass es sich weder um ein Theaterspiel, noch um ein Psychodrama handelt. Es geht dagegen um das Spürbewusstsein. Das heißt, wenn ich in irgendeine Position gestellt werde, dann konzentriere ich mich auf meinen Körper und mein Bewusstsein. Und dann kann ich ganz oft etwas spüren. Zum Beispiel, jetzt wo ich stehe, wird die rechte Schulter schwer; oder es wird mir kalt; hinten fühlt es sich angenehm oder unangenehm an. Oder es zieht mich nach vorne; ich könnte gerade zusammenbrechen; mir wird es übel. Das sind also natürliche Ausdrücke, die aus dem Spürbewusstsein kommen, aus meiner Aufmerksamkeit, aus meiner Wahrnehmung heraus. Diese Ausdrücke haben ganz viel mit der Aufstellung, mit dem System zu tun. Zwischendurch frage ich auch immer die Person, die am Rande steht, die die Aufstellung ja auch mit initiiert, was sie besonders interessiert. Ich bleibe also mit der Person in Kontakt. Diese Person wird später in die Position eingewechselt, da sie sich ja auch selber aufstellt. Sie kann dann noch einmal hineinspüren und schauen, welche Lösungsansätze es gibt, wo kann vielleicht Versöhnung stattfinden, wo kann noch etwas geklärt werden. Oft löst das auch emotionale Reaktionen aus, so dass jemand weint oder jemand nochmal in den Arm genommen wird, was früher nicht der Fall war. Oder die Person macht eine Tiefenerfahrung, hier ist es allerdings wichtig, Abstand zu halten. Es können hier Lösungen gefunden werden, und ich kann Anteile von mir integrieren, die vielleicht vorher abgespalten waren. Ich kann hier vielleicht aber auch mit meiner inneren Weisheit oder Intuition in Kontakt kommen. Das heißt, es handelt sich um ganz tiefe Arbeit, die viel mit dem Spürbewusstsein und transpersonaler Psychotherapie zu tun hat.

Was bringt die systemische Aufstellung dem einzelnen Menschen noch?

Sie kann Unterschiedliches bringen, je nachdem, welche Frage man mitbringt. Es kann bringen, dass ich Lösungsansätze sehe, wo ich vorher verstrickt war, wo ich vorher gekämpft habe, wo ich mich früher zerrieben habe. Es kann auch bringen, dass ich mich nachgenährt fühle oder etwas geheilt wird. Wie zum Beispiel, dass ich auf einmal von dem Vater oder der Mutter, von dem oder der ich abgelehnt wurde, plötzlich in den Arm genommen werde. Oder dass diese Mutter plötzlich zu mir sagt, ich konnte nicht anders. Dass ich erkenne, ich bin ja nur die Kleine und das ist ja meine Mutter. Oder ich merke auf einmal, dass ich in mir eine innere Weisheit trage, die mit diesem anderen Persönlichkeitsanteil ganz gut umgehen kann. Ich kann also emotional etwas spüren, über die Tränen, über das Lachen, über die Begegnung, über die Integration – und ich kann auch Lösungen finden.

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Kai Fraass

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