Therapie-Gruppe als heilende Familie

GruppentherapieUdo Girg, Leitender Psychologe der Heiligenfeld Klinik Waldmünchen, stellt das Behandlungskonzept der Familienklinik in Waldmünchen vor. Dabei schreibt er über die Wichtigkeit der Gruppentherapie in der Therapie von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen:

Den Patienten die Erfahrung von sicheren Bindungen zu ermöglichen und damit defizitäre und destruktive Bindungserfahrungen der frühen und bisherigen Biografie und deren Wiederholung zu korrigieren und zu überschreiben, ist der zentrale Gedanke des Behandlungskonzepts der Heiligenfeld Klinik Waldmünchen. Psychische Erkrankungen lassen sich als die Verengungen verstehen, die den Patienten daran hindern, ausreichend vertrauensvolle Beziehung zu Anderen aufzunehmen. Deswegen ist die Einbindung in die Therapeutische Gemeinschaft und in all die anderen Gruppen in unserem stationären Setting der Platz, an dem sich diese Beschränkungen sowohl zeigen als auch verändern lassen. Diesen Grundgedanken erachten wir für die Therapie von erwachsenen Patienten als genauso gültig wie für die Therapie von Kindern und Jugendlichen.

Einzel- vs Gruppentherapie

Insbesondere erwachsene Patienten mit Vorerfahrungen mit ambulanter Psychotherapie vermissen zu Beginn der stationären Therapie in unserem Haus die gewohnten, vertrauten Einzelgespräche mit ihrem Bezugstherapeuten. Der zumindest zu Beginn der Therapie immer wieder vorgebrachte Wunsch eines Patienten nach Einzelgesprächen drückt die – angesichts der oftmals vorliegenden höchst schmerzlichen biografischen Vorerfahrungen durchaus nachvollziehbare – Scheu aus, sich zu öffnen und sich dorthin zu wenden, wo Geborgenheit, Nähe, Liebe in ausreichender Fülle unmittelbar fließen würden, aber nicht mehr bzw. noch nicht genommen werden können. Die Gruppe stellt die Aufforderung und Herausforderung dar, wieder das verlorengegangene Vertrauen aufzubauen, das trägt und heilt. Die Gruppe aktualisiert das innerpsychische Geschehen, d. h. die Emotionen wachsen unmittelbar aus dem aktuellen äußeren Beziehungsgeschehen und können dort reflektiert und verändert, die emotionalen Auswirkungen neuer Schritte unmittelbar und vor großer Öffentlichkeit erlebt und von dieser bestätigt werden.

Die Unterschiede zwischen Einzeltherapie und Gruppentherapie sind insofern grundlegend.

 

Die verschiedenen Funktionen einer Gruppe

Die Gruppe ist der geschützte Raum für vielfältige Erfahrungsmöglichkeiten: Entlastung: „ich stehe mit meinem Problem nicht allein da“; Ermutigung: „ich sehe, dass es andere schaffen“; Bereicherung: „ich sehe, wie es andere schaffen“; Rückmeldung: „ich erfahre, wie mein Verhalten auf andere wirkt“; Einbindung: „ich erlebe Zusammengehörigkeit“; Übung: „ich kann Neues ausprobieren“; Unterstützung: „ich kann sagen, was ich brauche und erfahre Zuwendung“; Anregung: „ich erkenne, was für mich wichtig ist“; Beziehung: „ich setze mich mit anderen Menschen auseinander“; Anforderung: „ich übernehme für mein Verhalten Verantwortung“; Bestätigung: „ich bin anderen Menschen wichtig“; Erinnerung: „ich verliere mein Ziel nicht aus den Augen“; Selbstbehauptung: „ich nehme mir meinen Platz“; Öffnung: „ich kann mich öffnen und erfahre Nähe“.

 

Die Gruppe nährt, der Gruppenleiter strukturiert

Ein Patient bittet um Rückmeldung, wie er gesehen werde. Mitpatient A sagt: „Gestern hast du mich angesprochen, du hast geredet, geredet, geredet. Ich habe lange nicht gewusst, was du überhaupt von mir willst. Komm doch auf den Punkt, sag mir direkt, was du brauchst!“ Mitpatient B: „Du hast was Eigenbrötlerisches, du bist immer noch mehr für dich. Komm doch zu uns dazu, du könntest gleich heute Abend mitkommen, wenn wir in die Stadt gehen!“ Mitpatient C: „Du trägst deine Vergangenheit irgendwie immer vor dir her, immer wieder fängst du damit an. Lass das doch mal ruhen und achte mehr auf das, was jetzt gerade zwischen dir und den anderen geschieht.“ Dies geschah in wenigen Minuten, der Patient war sichtlich berührt. Er hat die Angebote zu einer vertrauensvollen Beziehungsaufnahme, die in diesen offen benannten Rückmeldungen lagen, wahrgenommen. Gemeinsam mit der Gruppe wurden aus diesen Rückmeldungen anschließend Einstellungssätze herausgearbeitet: „Ich sage direkt, was ich brauche!“, „Ich gehör dazu und beteilige mich!“, „Ich lenke meine Aufmerksamkeit auf das, was jetzt geschieht!“. Der Patient hat diese Sätze danach gegenüber jedem Patienten in der Gruppe ausgesprochen, von jedem ein bestätigendes „Ja!“ als Antwort bekommen und die soziale Wirkung unmittelbar erleben können. Der Therapeut hat als Gruppenleiter diese Sequenz lediglich strukturiert, der inhaltliche Input, kam ausschließlich von Mitpatienten. Der Patient war in seiner Präsenz nach dieser Sequenz für jeden in der Gruppe erkennbar verändert. Dies ist das heilsame Geschenk, das die Gruppe ihrerseits bekommt.

 

Die verschiedenen Gruppen in unserem Therapiespektrum:

  • Das Gruppen-Konzept unserer Klinik sieht Gruppen unterschiedlicher Zusammensetzungen und Zielsetzungen vor.
  • Altershomogene Kindergruppen
  • Jugendlichen-Kerngruppen, Jugendlichen-Gesamtgruppe
  • Erwachsenen-Kerngruppen
  • Großgruppe mit der gesamten Patientenschaft (Erwachsene, Jugendliche und Kinder)
  • Multi-Familien-Therapiegruppe
  • Indikationsspezifische Gruppen
  • Gruppen in der Intensiv-Woche
  • Heiligenfeld-Selbsthilfe- bzw. Heiligenfeld-Regionalgruppe

 

1 Kommentar


  1. Liebes Heiligenfeldteam,
    als ehemalige Patientin kann ich sagen dass es nicht immer so einfach in der Gruppe ist und nicht immer gelingt es dem Gruppenleiter Ruhe und Harmonie dahinein zu bekommen.
    Es stimmt aber auch dass eine Gruppe einem viel Gutes bringen kann, leider kann sie aber auch sehr viel zerstören.
    Seit ich bei einem Seminar in Heiligenfeld eine sehr schlecht Erfahrung in der Gruppe gemacht habe, traue ich mich überhaupt nicht mehr unter Leute zu gehen.
    Diese Erfahrung hat mich sehr weit zurückgeworfen.

    Marion

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.