Therapiegruppe: Sterblichkeit und Tod

Therapiegruppe: Sterblichkeit und Tod

Heute geht es um die Therapiegruppe „Sterblichkeit und Tod“, die in der Parkklinik Heiligenfeld für die Patienten angebot wird. Das Thema ist nach wie vor bei vielen Menschen ein Tabu. Manchmal geraten wir durch den Tod einer geliebten Person in eine Krise und müssen uns ganz intensiv mit dem Thema auseinander setzten. Im heutigen Blogbeitrag spricht Christoph Schewe, Kreativtherapeut in den Heiligenfeld Kliniken über die Therapiegruppe „Sterblichkeit und Tod“. Am Ende diesen Beitrags finden Sie das Interview in einem Podcast.

Marina Prieb: Herr Schewe, sie leiten die Gruppe „Sterblichkeit und Tod“ in der Parkklinik Heiligenfeld. Welche Menschen kommen in diese Gruppe?

Christoph Schewe: Die Patienten werden in der Regel von ihren Bezugstherapeuten ermutigt, in diese Gruppe zu gehen. Einige von ihnen suchen aber auch selbst diese Gruppe aus und sagen: „Ja, ich möchte dahin, das ist bei mir ein wichtiges Thema“. Wiederum andere sagen: „Ich muss dahin“ und fühlen sich dabei unwohl.
Was uns in der Gruppenleitung wichtig ist, sage ich gleich zu Anfang: Wenn Sie beim ersten Mal von ihrem Bezugstherapeuten geschickt wurden, ist das okay. Beim zweiten Mal nicht mehr. In dieser Gruppe haben Sie das Recht, sich wieder ausbuchen zu lassen, wenn Sie nicht in diese Gruppe wollen. Denn wir wollen nicht mit Menschen arbeiten, die das Gefühl haben, „ich muss das über mich ergehen lassen“. Es braucht die innere Bereitschaft, sich diesem Thema zu stellen. Ansonsten macht die Gruppe keinen Sinn.
Die Mehrheit der Teilnehmer in der Gruppe „Sterblichkeit und Tod“ sind Patienten, die nahe Angehörige bzw. vertraute Menschen verloren haben. Das sind in der Regel Menschen, die für das eigene Wohlempfinden wichtig waren und deren Verlust sehr schmerzhaft ist. Dann ist es auch gar nicht mehr so wichtig, ob sie aus der eigenen Familie kommen, oder ob es Freunde, Ehepartner oder andere Personen sind. Je wichtiger der Mensch war, umso tiefer ist meistens der emotionale Schmerz.
Ich nenne dann oft eine Metapher, die das sehr deutlich macht. Der Schmerz der Trennung, die Wunde, die ich fühle, wenn jemand aus dem Leben geschieden ist, ist abhängig davon, wie wichtig diese Person für mein Wohlbefinden war. Bildlich gesprochen ist das so, als ob jemand in mein Herz hineingreift und ein Stück herausreißt. Wenn jemand stirbt – zum Beispiel ist mein Vater mit 97 Jahren verstorben – dann ist oft der Schmerz nicht mehr so groß, weil sich diese Person schon teilweise verabschiedet hat, denn die Sinne werden im Alter schwächer und auch die Angehörigen können die schwächer werdende Lebenskraft über Jahre verfolgen. Dann ist in der Regel der Schmerz der Trennung nicht mehr so überwältigend.
Auf der anderen Seite ganz dramatisch ist es natürlich, wenn die Generationenfolge nicht eingehalten wird. Das heißt, wenn Kinder vor den Eltern sterben. Das ist eine besonders intensive und schmerzhafte Erfahrung.

Trotzdem glaube ich, dass es wichtig ist, bereit zu sein, diesen Schmerz in seiner ganzen Tiefe zu fühlen. Viele Menschen in unserer Gesellschaft fangen dann an, viel zu arbeiten, um den Schmerz nicht zu spüren und lenken sich ab, üben meist unbewusst zusätzliche Tätigkeiten aus. Aber dadurch wird das Problem nur vor sich hergeschoben. Irgendwann holt es uns wieder ein. Es gibt Schätzungen, dass ein Drittel aller Depressionen aufgrund nicht verarbeiteter Trauer verursacht sind.
Manchmal nehmen auch Patienten an der Gruppe teil, bei denen eine langjährige Beziehung in die Brüche ging. Das wird von ihnen ebenfalls wahrgenommen wie ein realer Tod.
Es gibt auch weitere Gründe, warum Menschen in die Gruppe „Sterblichkeit und Tod“ kommen, z. B: der Tod der Eltern vor 30 Jahren kann noch ein großes Thema sein, weil es nie eine Auseinandersetzung damit gab und weil wir leider in einer Gesellschaft leben, in der für Trauerverarbeitung kein Platz ist.
Vor ca. 50 Jahren haben zumindest viele alten Leute in den verschiedenen Regionen Europas und darüber hinaus noch ein Jahr schwarz getragen oder andere Rituale gehabt, um ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen. Diese ganzen Rituale greifen heute oftmals nicht mehr. Das ist die eine Seite.
Auf der anderen Seite gibt es aber auch die Hospizbewegung, die in Deutschland jetzt überall flächendeckend vorhanden ist und wo sich viele gute Ansätze zeigen. Diesen Hospizgruppen sind meist Trauergruppen angeschlossen. Der Vorteil der Trauergruppen ist, dass sich die Betroffenen gemeinsam mit Trauer auseinandersetzen können.
Die Familien wollen in der Regel, dass alles ungestört weiter seinen Gang geht. Und dann kommt immer dieser Satz, welchen ich sehr unpassend finde: Lasst den Verstorbenen doch einfach los. Hierbei geht es gar nicht ums Loslassen, sondern es geht darum, den Schmerz der Trennung zu fühlen. Und wenn ich wirklich bereit bin, den Schmerz wahrzunehmen, dann kommt nach einer gewissen Zeit dieser Teil, der gefühlt herausgerissen wurde, wieder zurück in mein Herz. Narben bleiben, aber sie machen mein Herz wieder vollständig. Ich persönlich glaube, dass jede Trauer, wie tief sie auch ist, bearbeitet werden kann, sodass ein sinnvolles Leben in der eigenen Kraft weiterhin möglich ist.

Marina Prieb: Woran merkt man, ob man vielleicht Trauer unterdrückt hat oder irgendwo nicht verarbeitet hat?

Christoph Schewe: Ich glaube, es ist ziemlich einfach. Die Frage ist, wie stehe ich selbst zum Thema Tod. Wenn ich so große Angst vor dem Tod habe, wie der Teufel vor dem Weihwasser – um diese volkstümliche Analogie zu gebrauchen – dann habe ich auch mit dem Zulassen von Trauer ein Problem. Wenn ich nicht bereit bin, mich mit dem Thema Tod, Sterben und Vergänglichkeit auseinanderzusetzen, wenn ich große Probleme und Ängste bei Abschieden habe, wenn ich alles kontrollieren will, dann werde ich auch Schwierigkeiten mit der Trauerverarbeitung haben. Am besten ist es also, sich selbst mit dem Thema Tod zu beschäftigen. Im Grunde genommen ist es ganz einfach. Wir alle werden irgendwann geboren und irgendwann müssen wir gehen. Dies sollten wir akzeptieren oder lernen zu akzeptieren.

Marina Prieb: Wie kann ich mir den Therapieablauf in der Gruppe „Sterblichkeit und Tod“ vorstellen? Was passiert dort und wie setze ich mich mit dem Thema auseinander?

Christoph Schewe: Wir haben ungefähr zehn unterschiedliche Module. In erster Linie geht es in dieser Gruppe um die Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit. Ich glaube, dass das die beste Voraussetzung ist, zu akzeptieren, dass ich irgendwann sterbe und das auch mehr und mehr annehme. Dazu machen wir unterschiedliche Übungseinheiten und Rollenspiele.
Abschiednehmen ist in diesem Zusammenhang ebenfalls ein wichtiges Thema. Wie nehme ich selbst Abschied von jemandem oder wie vermeide ich Abschiede. Dazu machen wir verschiedene Rollenspiele, z. B. eine Sterbe-Abschiedsübung, bei der die Teilnehmer tiefe Erfahrungen machen können. Und in der Regel führt es dazu, dass die Patienten, die in der Rolle der sterbenden Person sind, merken, dass es gar nicht so beängstigend sein muss. Sie sind erstaunt, dass es gar nicht so schmerzhaft ist, wie sie immer glaubten und damit erhöht sich die innere Bereitschaft, sich auf dieses Thema doch tiefergehend einzulassen oder sie werden vielleicht sogar neugierig darauf.
Ein weiteres Thema sind die Sterbephasen nach Elisabeth Kübler-Ross. Elisabeth Kübler-Ross ist eine der Gründerinnen der neueren Hospizbewegung. Sie hat zum ersten Mal die unterschiedlichen Stufen herausgearbeitet, die meist beim Sterben durchlaufen werden, die Sterbephasen. Sie war eine schweizerische Ärztin, die in Amerika gelebt hat und maßgeblich bei der Gründung von Hospizen beteiligt war. Sie hat viele, viele Menschen in den Tod begleitet und hat dabei festgestellt, dass es Sterbephasen gibt.
Die erste Phase hat sie „Nicht-Wahrhaben-Wollen“ genannt. Die Menschen in diesem Stadium können oft nicht akzeptieren, dass ihr Sterben nahe sein könnte. Die zweite Phase heißt „Zorn und Ärger“. Dabei geht es um Widerstand und Weigerung, die Situation anzunehmen. Dann kommt die dritte Phase, das „Verhandeln“. Da verhandeln Menschen mit Gott oder einer höheren Kraft, je nachdem, was dem eigenen Glaubenskonzept entspricht. Danach, als vierte Phase, folgt die „Depression“. Das ist eigentlich eine doppelte Depression. Einerseits zu merken, dass man am Leben nicht mehr teilnehmen kann und dass auch klar wird, dass ich alles hinter mir lassen muss. Und schließlich, irgendwann, wenn es gut läuft, gibt es die „Zustimmung“. Das heißt, man ist bereit zu gehen. Diese fünfte Phase ist etwas ganz Großartiges, man könnte schon fast sagen, etwas Feierliches. Jemand hat mal gesagt, da scheint Gott schon durch die Lücke durch. Ich finde, das ist ein schöner Satz. In dieser Phase kann irgendwas von tiefem Frieden spürbar werden, der durch den sterbenden Menschen auch auf andere ausstrahlt.
Ein weiteres Modul setzt sich mit dem Thema „Altern“ auseinander. Altern, was bedeutet das? Wie möchte ich alt werden? Welche Werte sind mir im Alter wichtig?
Grundsätzlich geht es in der Therapie ganz viel um den Austausch zwischen den Betroffenen. Dass sie einander erzählen, wie sie die Dinge sehen und mit den Schwierigkeiten umgehen bzw. umgehen möchten. Der Austausch erfolgt in Zweier-, Dreiergruppen oder auch in der Gesamtgruppe.

Marina Prieb: Das heißt, dass Menschen, die trauern und jemand verloren haben, sich in dieser Gruppe eigentlich mit ihrem eigenen Tod und ihrer eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen sollten, um den Verlust zu verarbeiten?

Christoph Schewe: Ja, das ist jedenfalls eine gute Voraussetzung, um eher zu begreifen, dass der Tod zum Leben dazu gehört. Eigentlich ist es ganz einfach: Alles was geboren wird, muss auch sterben. Und die Auseinandersetzung mit Sterblichkeit und Tod – und das impliziert natürlich auch den eigenen Tod – ist ein sehr guter und wichtiger Weg, um auch mit Trauer besser zurecht zu kommen.

Marina Prieb: Gibt es denn einen richtigen Zeitpunkt, um sich mit dem Thema auseinanderzusetzen?

Christoph Schewe: Da würde ich einfach sagen, je früher desto besser. Jedoch haben wir auch manchmal Patienten in der Gruppe, bei denen erst vor wenigen Tagen oder Wochen jemand verstorben ist. Da frage ich manchmal, ob die Zeit schon reif ist, diese Person an unserer Gruppe teilnehmen zu lassen.
Wenn jemand stirbt, dann organisieren die Betroffenen in der Regel die Beerdigung, sortieren die Papiere und alles andere, was noch damit zusammenhängt. Das braucht alles ganz viel Zeit. Die Trauer ist noch gar nicht angekommen. Die Trauer kommt meistens später.
Grundsätzlich ist es aber auch möglich, sich mit Trauerverarbeitung zu befassen, auch wenn schon vor langer Zeit ein Mensch verstorben ist. Dann sind angemessene Abschiedsrituale hilfreich. Ein Ritual löst zwar nicht alles, aber ein passendes Ritual setzt eine Zäsur zur Veränderung. Durch Rituale verändern sich Haltungen zu bestimmten Themen. Aus diesem Grund können diese sehr nützlich sein.

Marina Prieb: Gibt es Phasen der Trauer, Muster oder Beispiele für die Trauerbewältigung? Wie geht man am besten durch die Wut oder auch die Trauer, um das gut für sich zu bewältigen?

Christoph Schewe: Da komme ich auf Elisabeth Kübler-Ross zurück, die die Trauerphasen formuliert hat. Für Angehörige ist es im Grunde genommen ähnlich, nur zeitverzögert. Nicht-Wahrhaben-Wollen und dann Zorn, Wut, Ärger. Denn es gibt ja nicht nur tolle Beziehungen, sondern auch ganz schwierige Beziehungen oder vielleicht auch viel Ärger, warum derjenige oder diejenige gegangen ist. Dann ist es wichtig, diesen Ärger anzunehmen, zu spüren und nicht zu sagen, ich darf nicht zornig oder wütend auf diese Person sein. Es ist gut, wenn alle Gefühle da sein können. Und es kann sehr unterstützend sein, mit geeigneten Personen, Therapeuten oder in Beratungsstellen darüber zu sprechen und sich auszutauschen, um irgendwann dann zu einer Zustimmung zu kommen. Auch die depressive Phase gehört ja in der Regel ein Stück weit zu der Verarbeitung dazu. Die Phasen werden also praktisch von den Angehörigen zeitverzögert erlebt. Ein bisschen anders, aber im Grunde genommen ähnlich.

Marina Prieb: Zu ihnen in die Gruppe kommen wahrscheinlich Menschen, die irgendwo in der Depression oder im Zorn stecken geblieben sind, und das Ziel der Gruppe ist es, die Menschen letztendlich in die Zustimmung zu bringen. Ist das so?

Christoph Schewe: Das kann man so nicht sagen. Nicht alle, die in der Gruppe „Sterblichkeit und Tod“ sind, sind irgendwo in der Depression oder in der Wut steckengeblieben. Eine ganze Reihe von Patienten nehmen einfach an der Gruppe teil, um sich mit dem Thema generell auseinanderzusetzen, weil sie eben merken, wie wichtig dieses Thema ist. Viele Patienten werden aber auch von den Bezugstherapeuten geschickt, weil diese merken, dass durch die fehlende Auseinandersetzung Energie bei dem Patienten gebunden ist. Und dann geht es darum, dass diese gehaltene Energie befreit wird, um neue Schritte machen zu können. In diesem Fall ist die innere Zustimmung wesentlich.
Was ich noch für wichtig in der Gruppe „Sterblichkeit und Tod“ halte, ist, immer wieder aus den intensiven Gefühlen aufzutauchen, sich viel zu bewegen und nicht in der Schwere hängen zu bleiben. In die Tiefe zu gehen, aufzusteigen, wieder in die Tiefe zu gehen, sodass es lebendig bleibt. Bei uns wird erstaunlich viel gelacht. Es sollte keine bleierne Schwere über einen längeren Zeitraum vorhanden sein. Da kommt für niemanden was dabei rum. Es geht um die Akzeptanz, dass ich geboren werde, für einen Zeitraum hier auf der Erde verweile, dann wieder gehen muss und meine Zeit möglichst sinnvoll nutze.

Marina Prieb: Also ich werde geboren, muss sterben und muss schauen, wie ich die Zeit dazwischen sinnvoll nutze. Was sind häufig die Sachen, die sich Menschen wünschen, die bis zu ihrem Tod noch passieren sollen oder wie sie ihr Leben bis zum Tod noch verbringen wollen?

Christoph Schewe: Ich glaube, es kommt darauf an, in welchem Lebensabschnitt ich mich befinde. Auch Sinnvolles kann sich verändern. Ich glaube, am besten ist es, einfach mehr im Hier und Jetzt Dinge zu tun, die ich gerne tue und wovon ich den Eindruck habe, dass sie sinnvoll sind. Und wenn es mein Ziel ist, blaue Kakteen zu züchten, dann ist das in Ordnung. Den Sinn kann nur ich beurteilen. Es darf natürlich nicht gegen mich oder andere gehen. Und wenn ich es „mit Herzblut tue“, dann bin ich in meiner Kraft.

Marina Prieb: Sie haben gesagt, es geht darum, im Hier und Jetzt zu leben. Das fällt uns oft im Alltag schwer. Gibt es konkrete Übungen, um mich wieder ins Hier und Jetzt zu holen oder um mir bewusst zu machen, was für mich wirklich zählt im Leben?

Christoph Schewe: Ja, diesbezüglich machen wir in der Gruppe eine Übung regelmäßig. Sie ist ganz simpel. Ich sage zu den Patienten: Stellen Sie sich vor, Sie gehen zum Arzt. Der Arzt untersucht Sie und macht ein ganz bedrücktes Gesicht und sagt: Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Sie eine sehr schwerwiegende Erkrankung haben, die im Moment nicht heilbar ist. Nach der heutigen Erfahrung mit dieser Krankheit muss ich Ihnen leider mitteilen, dass Sie keine längere Lebenserwartung als drei Jahre haben.
Die Patienten sollen in die Situation reingehen und sich vorstellen, dass sie nur noch drei Jahre zu leben haben. Anschließend frage ich die Patienten, wie sie diese Zeit sinnvoll für sich nutzen würden. Dann schreiben die Patienten das auf, was sie in der Zeit machen würden und anschließend gibt es einen Austausch in der Dyade (Zweiergruppe). In der zweiten Runde verkürze ich das Ganze und sage, sie gehen wieder zum Arzt und der sagt: Oh je, das geht doch viel schneller als ich dachte. Die Krankheit ist schon ziemlich fortgeschritten. Sie haben jetzt nur noch drei Monate. Dann setzen sich die Patienten mit Zetteln hin und schreiben auf, was sie in den drei Monaten machen würden. Da könnte es einerseits sein, dass sie Dinge rausstreichen, wie zum Beispiel eine Reise, die sie machen wollten. Oder sie sagen, dass sie was ganz anderes machen wollen. Das ist alles okay. Und dann schreiben sie das auf und dann gibt es nochmal eine Dyadenarbeit. Und in der letzten Phase sage ich zu den Patienten, dass sie nur noch drei Tage zu leben haben. Was wäre Ihnen in den letzten 72 Stunden Ihres Lebens wichtig, mit der Voraussetzung, dass Sie geschwächt, aber im Vollbesitz Ihrer Sinne sind. Und dann gibt es wieder einen Austausch.
In der Einsammelrunde kommt dann manchmal von den Patienten selbst: Warum mache ich das, was ich in meinen letzten 72 Stunden machen würde, eigentlich nicht gleich? Dadurch kommen sie an die wirklich bedeutsamen Bedürfnisse.

Marina Prieb: Und sind diese Dinge, die wir in den letzten 72 Stunden unseres Lebens machen würden, von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich oder ähnlich?

Christoph Schewe: Das Materielle spielt keine Rolle mehr. Im Grunde genommen geht es darum, sich mit Menschen auszutauschen und eventuell Konflikte zu lösen, die ich mit anderen habe. Oder es geht einfach darum, zu meinen Engsten zu sagen, dass ich sie liebe und dass sie in meinem Herzen sind. In diese Richtung geht das. Es geht also fast immer um Beziehungen. Ich glaube, dass die persönlichen Beziehungen das Wichtigste sind.

Marina Prieb: Manchmal verlieren wir andere Menschen ganz plötzlich und unerwartet. Sie werden einfach aus dem Leben gerissen. Ich kann mir vorstellen, oder beziehungsweise habe ich das selber erlebt und höre auch immer wieder, dass es keine Möglichkeit gab, sich zu verabschieden. Ist es auch Thema in der Gruppe, diese Verabschiedung nachzuholen?

Christoph Schewe: Manchmal machen wir, je nachdem welche Teilnehmer in der Gruppe sind, ein bestimmtes Abschiedsritual. Man kann sich in diesem Ritual auch von Menschen verabschieden, die sehr plötzlich verstorben sind. Dieses Ritual ist meist sehr kraftvoll. In diesem Ritual ist es möglich, einer Person, verstorben oder lebend, noch etwas zu sagen. Vielleicht ist man auf diese Person auch einfach sauer, weil sie so plötzlich verschwunden ist. Das ist alles in Ordnung. Es ist möglich, sich in diesem Ritual noch einmal von diesem Menschen zu verabschieden. Dazu bitte ich die Patienten, ein ganz schnelles Bild zu malen in max. 2 bis 3 Minuten, während sie an diesen Menschen denken. Das können einfach irgendwelche Farbengestaltungen sein, kleine Zeichnungen etc.
Und auf dieses kleine Bild setzt die teilnehmende Person ein Teelicht und in der Mitte des Raumes ist eine große brennende Kerze. Dann wird das Teelicht genommen und an der großen Kerze angezündet. Anschließend setzt sich die Person wieder auf ihren Platz, stellt das brennende Licht auf das kleine Bild und spricht dann aus dem Moment heraus zu der verstorbenen oder lebenden Person. Ohne Plan, einfach das, was im Moment entsteht. Das ist die Kraft der Rituale. Ich sage einfach das, was gerade kommt. Die ganze Gruppe ist präsent bei mir und bezeugt das Gesagte. Häufig wird dabei geweint, jedoch gehört das alles dazu. Das ist vollkommen in Ordnung. Danach geht es weiter mit der nächsten Person.
Manchmal sage ich als Ritualleiter einige wenige Worte dazu, um das Ritual abzurunden, manchmal nicht. Auch diese Worte kommen aus dem Moment. Nach Beendigung des Rituals werden die Kerzen gemeinsam gelöscht. Später schicke ich die Patienten noch einmal mit dem Bild los, dass sie es dann vielleicht verbrennen oder zu einem kleinen Schiffchen falten, um es auf den Fluss zu setzen, sodass es von der Strömung weggetragen werden kann. Das sind Rituale, die sie selbst machen können. Wichtig ist, dass sie sie nicht alleine machen. Je mehr Leute da sind, umso kräftiger sind sie.

Marina Prieb: Vielen Dank für das Gespräch.

Christoph Schewe: Danke auch.

Das ganze Interview finden Sie hier als Podcast zum hören.

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Marina Prieb

Marina Prieb

Marina Prieb ist für das Online-Marketing in den Heiligenfeld Kliniken verantwortlich und schreibt für den Blog und die Social Media-Kanäle.
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