Trennungsbewältigung und Psyche

In unseren Kliniken kämpfen die Patienten häufig mit der Verarbeitung von Trennungen. Deshalb habe ich mich einmal mit der Leiterin der Kreativtherapien Lara Pietzko unterhalten. Sie hat mir in einem Interview erklärt, wie Trennungsbewältigung und Psyche zusammenhängen.

lara

Frau Pietzko, was passiert mit einem Menschen, wenn eine Trennung stattfindet?

Bei einer Trennung geht es um den Verlust von einem Menschen, der für das Wohlbefinden einer Person wichtig war. Oft treten Trauerreaktionen wie weinen, sozialer Rückzug und Selbstzweifel auf. Die Personen, die verlassen wurden, reagieren häufig mit Schuldgefühlen und Sinnfragen. Wie Personen auf eine Trennung reagieren, hängt oft mit ihrer Persönlichkeitsstruktur zusammen

Trennt sich ein Paar, entsteht zuerst einmal Verunsicherung, da die Verbindung der beiden Personen, die Geborgenheit und Liebe liefert, weg fällt. Der häufig wichtigste Bezugspunkt ist nicht mehr da und das kann oft eine existenzielle Bedrohung für die Person bedeuten, die verlassen wurde. Geht eine Beziehung in die Brüche, ist das mit  Enttäuschung verbunden. Herzschmerz wie Liebeskummer, Ängste und die Frage nach dem Sinn beschäftigen eine Person während einer Trennung. Es gibt vielfältige Gründe und Zeitpunkte für Trennungen von Paaren.

Ein Scheidepunkt in einer Beziehung, ist z. B. die Phase in der die Verliebtheit in Liebe übergeht. Die Zeit der Verliebtheit hält meistens nicht länger als 1 ½ Jahren an. Nach dieser Zeit bemerken viele Paare, dass Verliebtheit vergänglich ist. Sie sehen ihren Partner nun realistischer, als in der Zeit der Verliebtheit in der die meisten Menschen die „rosarote Brille“ tragen und Schattenseiten ihres Partners hinnehmen. Kommt man an diesen Scheidepunkt, muss man abwägen, ob man mit den „Marotten“ des anderen leben kann oder nicht.

Gibt es typische Phasen der Trennungsverarbeitung?

Die Psychologie befasst sich mit vier Phasen, die in der Zeit der Trennung einer Beziehung ablaufen. Die erste Phase der Trennung beginnt direkt nach dem Beziehungsende. Es ist die sogenannte „Nicht-Wahrhaben-Wollen-Phase“. In dieser Phase geht der verlassene Partner davon aus, dass der (Ex-)Partner wieder zurück kommt und doch noch eine Lösung gefunden werden kann.

Die erste Trennungsphase dauert in den meisten Fällen nur ein paar Wochen an. Es vergehen oft aber auch nur wenige Tage, bis der Verlassene sich eingesteht, dass die Trennung endgültig und die Beziehung zu Ende ist.

Die zweite Phase folgt direkt nach eingestehen des Beziehungsendes. Es ist die Phase der Trauer. Die Trauer zieht sich über den längsten Zeitraum der vier Trennungsphasen hinaus. Grund dafür kann insbesondere die Unterdrückung von Gefühlen sein, die zur Verarbeitung der Trennung notwendig sind. Nicht selten nimmt die Trauer überhand und kann dann in eine Depression münden.

Nach der Trauer folgt die Phase der Wut. Es ist wichtig Wut zuzulassen, aber auch ein gesundes Maß an Wut zu finden, um diese nicht in Hass ausufern zu lassen. Die Phase der Wut dauert in der Regel nicht lange, kann sich aber schwierig gestalten. Um die Wut einzudämmen und schneller verarbeiten zu können, kann körperliche Betätigung zur Aggressionsabfuhr hilfreich sein. Die letzte Phase ist die der Akzeptanz. Bis diese Phase erreicht wird, kann es durchaus möglich sein, dass die anderen drei Phasen der Trennung doppelt und in unterschiedlicher Reihenfolge durchlebt werden, bis es zu einer Neuorientierung kommt. Es ist aber auch nicht selten, dass alle vier psychologischen Phasen am selben Tag verarbeitet werden müssen.

Auf was sollte man achten, wenn man sich getrennt hat oder verlassen wurde?

Wird man verlassen, gerät man leicht in eine Opferposition. Hier besteht ein großes Risiko in eine Depression zu verfallen. Suizidgedanken, Sinnfragen, die Tendenz zur sozialen Isolation und Resignation beschäftigen die verlassene Person. Trauer an sich ist eine gesunde Reaktion auf einem Verlust und dient zur Verarbeitung der Trennung. Zu viel Trauer und Selbstzweifel sind dagegen destruktiv und verschlechtern die Situation. Anstelle von Schuldgefühlen, ist es hilfreich in eine Selbstreflexion zu gehen um Klarheit darüber zu finden was zur Trennung geführt hat. In dieser Phase treten oft Schuldzuweisungen auf. Die Person, die sich aktiv getrennt hat, muss damit rechnen, dass der Verlassene die Schuld bzw. Verantwortung an sie delegieren möchte. Die Selbstreflexion darüber, was sind die eigenen Anteile und was die des anderen, die zur Trennung bzw. zum Scheitern der Beziehung geführt haben, sind zu analysieren. Für beide Seiten ist es in der Regel eine emotional herausfordernde Zeit.

Kann es zu einer psychischen Erkrankung kommen? Wenn ja, zu welcher?

Ja, es kann zu psychischen Erkrankungen wie z. B. reaktiven Depressionen, Angststörungen und im Extremfall zu Suiziden kommen. Am häufigsten treten jedoch reaktive Depressionen auf, die durch eine Trennung ausgelöst werden können. Ein gesunder Mensch kommt mit schwierigen Situationen gut zurecht und fällt nicht sofort in eine Depression. Bei der reaktiven Depression, ist die Belastung allerdings so groß, dass der Betroffene damit nicht mehr zurecht kommt.

Wichtig ist zu verstehen, dass psychische Erkrankungen mit der Persönlichkeitsstruktur der verlassenen Person zusammen hängen. Jeder Mensch reagiert anders auf eine solche Situation.

Wie zeigt sich diese Erkrankung/ Welche Symptome treten auf?

Die Symptome einer Depression können vielfältig sein, so leidet eine Person unter starker Antriebsminderung, Freudlosigkeit, gedrückter Stimmung, sozialer Rückzug oder Selbstzweifel. Ein anderer hat Suizidgedanken, Konzentrationsstörungen bei der Arbeit, leidet an Lustlosigkeit oder dem Gefühl der inneren Leere. Auch somatische Reaktionen können auftreten wie Schlafstörungen, Morgentief oder Appetitminderung. Nach ICD 10 haben Anpassungsstörungen ähnliche Symptome wie Depressionen. Doch haben Depressionen keinen einzelnen Auslöser. Zeigen sich solche Symptome, sollte man einen Arzt oder Psychologen aufsuchen. Eine Depression kann nach zwei Wochen diagnostiziert werden wenn die Symptome durchgängig und für den Betroffenen beeinträchtigend sind.

Wie kann die Krankheit überwunden werden?

Um Depressionen zu überwinden sollte man professionelle Hilfe von Ärzten, Therapeuten, Psychologen oder auch von Beratungsstellen in Anspruch nehmen. Bei mittelgradig- bis schweren Depressionen, ist eine Behandlung in einer psychosomatischen Klinik ratsam. Denn oft liegt die Ursache für einen ungelösten psychischen Konflikt in der Vergangenheit. Auch negative erlernte Verhaltensmuster können durch stationäre Psychotherapie hinterfragt werden. Die Betroffenen sollen dadurch lernen, selbst aktiv zu werden und Entwicklungskrisen zu überwinden.

Wie kann man sich selbst vor einer psychischen Erkrankung schützen?

Die beste Voraussetzung, um nicht psychisch zu erkranken, ist zum einen ein gut funktionierendes soziales Netzwerk. Die Unterstützung von Freunden, Bekannten und der Familie ist gerade in der Trennungszeit sehr wichtig.

Genauso gut kann man selbst, durch die aktive Gestaltung des eigenen Lebens wie z. B. durch Hobbys oder Freund schaffen, psychischen Erkrankungen vorbeugen. Auch ein ausgefülltes Berufsleben trägt zur Stabilisierung des psychischen Zustandes bei. Allerdings ist es in manchen Fällen trotz guter Ressourcen unvermeidbar, dass jemand psychisch erkrankt. Dann ist es wichtig, sich nicht zu verurteilen, sondern dies zu akzeptieren und sich entsprechend Unterstützung zu holen.

Kann man „Vorkehrungen“ treffen, um bei der nächsten Trennung nicht wieder in so eine psychische Erkrankung zu rutschen?

Um die Wahrscheinlichkeit zu verringern nicht wieder in eine psychische Erkrankung zu rutschen, braucht man möglichst viel Stabilität in allen Bereichen des Lebens. Nach Hilarion G. Petzolds Konzept aus der integrativen Therapie, „Die 5 Säulen der Identität“ (1993), zeigt sich die Stabilität in der Identität der Person. Die Bildung der Identität ist ein Prozess, der sich im Laufe des Lebens immer weiterentwickelt und verändert. Nach Petzolds Konzept setzt sich Identität aus fünf Säulen zusammen, die die Einzigartigkeit der Persönlichkeitsstruktur einer Person beschreiben. Die fünf Säulen sind mit den Begriffen Leiblichkeit, soziales Netzwerk, Arbeit und Leistung, materielle Sicherheit und Werte benannt. Jede Person kann für sich selbst Stichworte zu den einzelnen Säulen zuordnen und dann ein Gesamtbild darüber machen, welche Bereiche ausgeglichen sind und in welchem Bereich die Gefahr besteht, dass die Säule wegbricht und damit auch die Stabilität. Ist die Stabilität in allen Bereichen ausreichend, kann sich die Person vollkommen mit sich selbst identifizieren.

Ein Beispiel hierzu: Wenn sich mein Partner von mir trennt, ich eine stabile, zufriedene Arbeitssituation habe, einen guten Freundeskreis besitze und finanziell, materiell abgesichert bin, kann ich so eine Trennung möglicherweise anders verarbeiten als jemand, der zusätzlich Konflikte am Arbeitsplatz hat, kaum Freundschaften pflegt und finanziell abhängig war vom Partner. So kann eine „Belastung“ für sich von einer Person ganz gut kompensiert werden. Wenn aber verschiedene Säulen der Identität ins Wanken geraten, steigt die Wahrscheinlichkeit psychisch zu dekompensieren.

Welche Therapie ist für diese Erkrankung am geeignetsten?

Bei Depressionen oder Angststörungen empfehlen sich z. B. Gesprächs- oder Verhaltenstherapie sowie die tiefenpsychologisch fundierte Therapie. Die Therapie kann durch die Gabe von Medikamenten aus der Homöopathie oder schulmedizinisch unterstützt werden. Je nach Schwere der Depression auch mit Antidepressiva. Die Therapie kann sowohl ambulant als auch stationär je nach Schweregrad der Depression erfolgen.

Wie kann das Umfeld (Familie, Freunde) zur Genesung beitragen?

Das Umfeld trägt in hohem Maße zur Genesung bei. So kann es motivierend, aufmunternd und tröstend auf die verlassene Person einwirken. Überschreitet der Verlassene das gesunde Maß der Trennungsbewältigung, so bemerken Freunde oder die Familie die Anzeichen, z. B. soziale Isolation, als erstes. Das Umfeld sollte darauf reagieren und den Hinweis zur Therapie geben.

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Kathrin Schmitt

Kathrin Schmitt

Kathrin Schmitt ist Kommunikationsmanagerin und seit 2009 bei den Heiligenfeld Kliniken unter anderem für den HeiligenfeldBLOG verantwortlich. Schreiben gehört zu ihren größten Leidenschaften.

5 Kommentare


  1. Guten Tag Frau Schmitt, guten Tag Frau Pietzko.
    regelmäßig lese ich Ihren Blog und da ich derzeit eine Trennung verarbeite, dachte ich mir, jetzt ist ein guter Zeitpunkt, sich auch mal zu Wort zu melden :-).
    Ich finde den Heiligenfeld Blog wirklich gut und vor allem die Vielseitigkeit der Themen spricht mich an. Danke Frau Pietzko, für die Darstellung der Trennungsphasen. Wenn man diese Phasen durchlebt, tut es gut, wenn man das Ganze mal nüchtern betrachtet und gesagt bekommt, dass es ganz normal ist, was man fühlt.

    Frau Schmitt, weiter so! Ich freue mich schon auf den nächsten Eintrag. Dank RSS-Feed bin ich immer auf dem Laufenden 🙂
    Mit freundlichen Grüßen
    H. Porowski

    Antworten
    1. Kathrin Schmitt

      Liebe Hilde,
      vielen Dank für Ihr positives Feedback. Es freut uns wirklich immer wieder sehr, wenn unser Blog gut ankommt.
      Bis bald!
      Ihre Kathrin Schmitt

      Antworten

  2. Tolles Interview!!!
    Danke!

    Mir ging es die letzten Monate genauso. Jetzt habe ich wieder Mut gefasst.

    Weiter so!
    LG Mario

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  3. Danke für die ehrlichen Worte.
    Selbst im Jahr 2017 trifft dieser Eintrag den Nagel auf den Kopf. Es hilft sich selber und das was passiert zu verstehen.

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  4. Es ist immer gut, wenn man sowas selbst bewältigen kann oder Freunde hat, die dabei helfen. Doch ist das sicherlich nicht für jeden gegeben. Dann kann man nur hoffen, dass professionelle Hilfe aufgesucht wird. Sowas gibt’s heute ja zum Glück auch schon als Online Beratung. Da muss man gar nicht mehr raus…

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