Umgang mit psychisch kranken Menschen

Umgang mit psychich kranken Menschen

 

Gemeinsam leben – gemeinsam leiden. Trifft diese Aussage auf den Umgang mit psychisch kranken Menschen zu?

Psychische Erkrankungen können als Beziehungsstörungen aufgefasst werden: Sowohl der oder die Betroffene selbst als auch ihr (näheres) Umfeld erleben die Veränderung – im Verhalten, im Fühlen und Denken, im Miteinander. Selbstverständlich ist das Feld der psychischen und psychosomatischen Störungen ein weites, die Spannweite, das Erscheinungsbild und die Symptome vielfältig und heterogen. Ein gemeinsamer Nenner lässt sich jedoch trotzdem finden: Die teilweise enormen Auswirkungen auf die Gestaltung des Alltags, der Lebensführung. Auf die Lebendigkeit generell. Bei Betroffenen und Angehörigen.

Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen

Psychisch Erkrankte erleben noch immer allzu oft ein Klima der Stigmatisierung und Diskriminierung. Und das trotz der gerade in den letzten Jahren zunehmenden Auseinandersetzung und Beschäftigung mit dieser Thematik – mit Stress, Belastungen, Überforderung und hieraus folgenden Erschöpfungs- und Burnout-Zuständen. Aber vielleicht suggeriert die mediale Präsenz auch eine Art „Scheinsicherheit“, im Sinne des Erkennens von Risikofaktoren und der Ableitung von Maßnahmen, die es zu ergreifen gilt, um psychische Erkrankungen im wahrsten Sinne „in den Griff zu bekommen“. Dem zugrunde liegt das unbedingte Bedürfnis des Menschen nach Kontrollierbarkeit, Verstehbarkeit und idealerweise auch Vorhersagbarkeit. Die andere Seite der Medaille ist die große Angst vor dem Unbekannten, dem nicht Verstehbaren. Angehörige psychisch Erkrankter kennen oftmals dieses Gefühl – was braucht mein Partner, mein Kind, meine Mutter jetzt von mir? Was kann ich tun, was kann ich falsch machen? Dabei sind – darauf wurde bereits einleitend hingewiesen – psychische Erkrankungen nur begrenzt miteinander vergleichbar, hinsichtlich Symptomatik, Schwere der Beeinträchtigungen und Erfordernissen einer wirksamen Behandlung. Und doch soll hier die Behauptung gewagt werden, dass ein Element sich in vielen, wenn nicht sogar in allen Erkrankungen finden lässt: Die Entfremdung von sich selbst, von den Mitmenschen, vielleicht sogar von der Welt insgesamt.

Vereinfachend könnte man sagen: Es geht um Kontakt, der verloren gegangen ist und um die Frage, wie dieser Kontakt behutsam wiederhergestellt werden kann.

Stigmatisierung und Ablehnung durch das Umfeld führen zu Rückzug und Selbstabwertung bei den Betroffenen. Nach Angaben der Bundesärztekammer konnte für die Bundesrepublik Deutschland gezeigt werden, „dass ein großer Teil von Patientinnen und Patienten aus Scham wegen einer psychischen Erkrankung zu spät oder keine ärztliche Hilfe in Anspruch nimmt“ ((1), Abs. 4). Dahinter steht die „Angst, durch eine psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung zusätzlich stigmatisiert zu werden“ (ebd.). Oftmals herrscht Geheimhaltung über den eigenen Gesundheitszustand – eine zusätzliche Belastung für diejenigen, die sowieso schon Schwierigkeiten damit haben, ihr normales Leben aufrechtzuerhalten. Die Betroffenen erfahren bereits durch ihre Erkrankung eine Ausgrenzung (oder besser gesagt eine Eingrenzung auf sich selbst, eine zunehmende Verengung in ihre Krankheit) – wie kann also einer weiteren Distanzierung durch ihre bzw. von ihren Mitmenschen entgegengewirkt werden?

Depression als Volkskrankheit?

Von einer Depression sind nach Angabe des Bundesministeriums für Gesundheit weltweit schätzungsweise 350 Millionen Menschen betroffen (2); für Deutschland geht man von etwa 5,6 Mio. Erkrankten aus, etwa 11 Prozent der Gesamtbevölkerung (Wittchen, 2011, zitiert nach (3)). Damit zählt die Depression zu den Volkskrankheiten, oftmals unterschätzt hinsichtlich ihres Einflusses auf den Betroffenen (4). Angststörungen, Abhängigkeiten, Zwangsstörungen und Traumatisierungen sind ebenfalls zu nennen, genau wie psychische Erkrankungen mit schweren Beeinträchtigungen des Realitäts- und Selbsterlebens, etwa die Schizophrenie. Hier bedarf es eines spezialisierten Settings zur Behandlung und Therapie, innerhalb dessen ärztliche, psychotherapeutische und sozialpädagogische Maßnahmen idealerweise Hand in Hand gehen. Der Erkrankte steht im Fokus der Bemühungen, um die Linderung seiner Beschwerden geht es. Doch im selben Maße – und vielleicht sogar insbesondere bei Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis, diesen für Laien nur schwer oder gar nicht nachvollziehbaren Erkrankungen – spielt die Angehörigenarbeit eine entscheidende Rolle. Es geht um Wissensvermittlung, um Erfahrungsaustausch und um die Frage, was Angehörige tun können, für den Betroffenen, aber auch für sich selbst.

Verständnis fördern, wo vorher Unsicherheit und Angst dominierten. Zuversicht spenden, Hoffnung wecken. Gerade die Depression mag hier als Volkskrankheit eine besondere Rolle einnehmen, auch weil sie neben dem alleinigen Auftreten häufig zusammen mit anderen Erkrankungen zu finden ist. Es bestehen Wechselwirkungen, etwa zwischen einer depressiven Entwicklung, erhöhtem Alkoholkonsum und einer hieraus sich ergebenden weiteren Verschlechterung der Befindlichkeit im Sinne einer „Spirale nach unten“. Das Umfeld, die (nahen) Angehörigen haben hier mitunter eine entscheidende Position: Erkennen sie die Veränderungen? Sprechen sie den Betroffenen darauf an?

Rolle der Familie im Umgang mit psychisch kranken Angehörigen

Welche Rolle die Familie gerade für Personen spielt, die an einer Depression erkrankt waren, konnte eindrücklich in einer Studie japanischer Forscher demonstriert werden. Durch die Vermittlung von Informationen über die Erkrankung im Rahmen eines spezifischen Trainings sank die Rückfallquote bei den vormals Erkrankten deutlich, von 50 Prozent auf acht Prozent (Shimazu et al., 2011; zitiert nach Hauschild, 2013, S. 62). Angehörige sind in besonderem Maße involviert, erleben die Beeinträchtigungen und das Leid der Betroffenen mitunter „hautnah“. Da sein zu wollen, helfen zu wollen, den geliebten Menschen nicht leiden sehen zu wollen, sind natürliche Impulse, die manchmal jedoch an der Erkrankung „abprallen“, nicht zum Partner, Kind oder Elternteil durchdringen. Dies nicht persönlich zu nehmen kann eine große Herausforderung darstellen, ist aber von großer Bedeutung, wie auch die Bundesärztekammer in ihrer Patienten- und Angehörigeninformation zur Depression betont: „Nicht immer ist der andere in der Lage, Ihre Vorschläge anzunehmen. Wenn Sie das respektieren ohne sich gekränkt zurückzuziehen, helfen Sie ihm sehr“ (6, S. 1) Auch sollte man dem Erkrankten nicht das Gefühl vermitteln, ihn zu kontrollieren. Ihn ernst nehmen, ohne zu dramatisieren, ihn darin unterstützen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, „sich als Begleiter durch eine schwere Zeit sehen“ (ebd.)… und dabei das eigene Befinden nicht aus dem Blick verlieren. Schuldgefühle, Hilflosigkeit, Überforderung und Erschöpfung sind nicht nur Erlebensweisen der Betroffenen. Depressionen verschwinden nicht von heute auf morgen und fordern auch von den Angehörigen ihren Preis. So entwickeln viele nahstehende Personen ebenfalls eine depressive Erkrankung – vielleicht auch deshalb, weil es unangemessen erscheinen mag, sich selbst etwas Gutes zu tun, „während der andere leidet.“ (ebd., S. 2) Trotzdem lautet der Appell: Verlieren Sie sich nicht aus den Augen! Auch Angehörige haben das Recht auf professionelle Unterstützung, sei es nun therapeutische Begleitung oder der Besuch einer Selbsthilfegruppe. Genauso wie das Verständnis für den Erkrankten sollte man sich selbst Rücksicht entgegenbringen. Damit gemeinsames Leben eben nicht zu gemeinsamem Leiden wird.

 

Quellenangaben:
(1) Zugriff am 03.11.2016  http://www.bundesaerztekammer.de/aerztetag/beschlussprotokolle-ab-1996/109-daet-2006/punkt-ii/stigmatisierung/stigmatisierung-i/
(2) Zugriff am 03.11.2016 http://www.bmg.bund.de/themen/praevention/gesundheitsgefahren/depression.html
(3) Zugriff am 03.11.2016 http://presse.barmer-gek.de/barmer/web/Portale/Presseportal/Subportal/Presseinformationen/Archiv/2011/110628-Medizinkongress/Praesentation-Wittchen,property=Data.pdf
(4) Zugriff am 03.11.2016 http://www.deutsche-depressionshilfe.de/stiftung/volkskrankheit-depression.php?r=p
(5) Hauschild, J. (2013). Komplizen der Sucht?. Psychologie Heute, 5, 60-65.
(6) Zugriff am 03.11.2016 http://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/Depression_Angehoerige.pdf

 

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René Greiner

René Greiner

René Greiner ist als Diplompsychologe in der Marketingabteilung der Heiligenfeld Kliniken. Er ist zuständig für die Koordination der Zusammenarbeit mit den Psychotherapeuten und Ärzten der Klinik und für die fachspezifische Bearbeitung von Texten. Zuvor war er lange als Psychologe in der Parkklinik Heiligenfeld tätig.
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1 Kommentar


  1. Ein wichtiger und interessanter Beitrag. – Es wird auf die entscheidende Position des nahen Umfelds hingewiesen und die Frage aufgeworfen, ob dieses die Veränderungen des Erkrankten erkennt und ihn darauf anspricht. Ist denn nicht genau das ein Problem, da diese Veränderungen vom Betroffenen oft nicht wahrgenommen werden und die Bitten, sich professionelle Hilfe zu holen, verhallen?
    Nur wenn die Begleitpersonen auch die Verantwortung der Selbstfürsorge nicht aus dem Auge lassen, haben sie die Kraft, Partner/Begleiter durch eine schwere Zeit zu sein.

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