Was ist eigentlich die Therapie „Wasser-Tragen“?

Was ist eigentlich die Therapie "Wasser-Tragen"?

Ein Interview mit Gisela Hinrichs, Kreativtherapeutin in der Parkklinik Heiligenfeld.

„Woher hat das Wasser-Tragen eigentlich seinen Ursprung?“

Das Wasser-Tragen hat seinen Ursprung in Japan. Es ist eine hydrotherapeutische fernöstliche Physiotherapie. Wir Europäer sagen dazu auch „Watsu“. Der Begriff setzt sich aus den Wörtern „Wasser“ und „Shiatsu“ zusammen. Aus dem Wort „Shiatsu“ erahnt man schon den fernöstlichen Einfluss. Es wird dabei paarweise gearbeitet. Hierbei werden Sie bei 34 Grad Wassertemperatur auf unterschiedliche Art und Weise getragen, bewegt und teilweise massiert. Das Wasser-Tragen ist jedoch nur ein Bestandteil des „Watsus“. In den Heiligenfeld Kliniken haben wir uns nur auf das Wasser-Tragen beschränkt, denn hier bedarf es einer Übung. Das heißt eine Eingewöhnung und eine Selbsterfahrung in dem Getragen werden und Tragen. Ganz gut ist es, wenn man das mehrmals wiederholt und aus diesem Grund haben wir uns nur auf diese eine Übung beschränkt. Sie ist an sich intensiv, weil es nicht nur um Wellness bzw. um Entspannung geht, sondern um Tiefenentspannung und Stressabbau. Es ist ein ganzheitliches Konzept. Körper, Geist und Seele arbeiten zusammen und können gemeinsam runterfahren. Dabei wird der Atem tiefer, der Puls langsamer und der Geist kommt zur Ruhe. Das Ziel ist es, so zu einem inneren Gleichgewicht zu gelangen und einen Ausgleich zu finden. Zusätzlich werden dadurch Gelenke entlastet und körperliche Verspannungen gelöst werden.

„Wie sieht denn das Wasser-Tragen praktisch aus?“

Das Wasser-Tragen wird paarweise durchgeführt in einer kleinen Gruppe von maximal 12 Personen. Die eine Person trägt die andere Person. Die Person, die getragen wird, liegt auf dem Rücken im Wasser. Die Person, die trägt, steht dabei und hält einen Arm unter den Nacken und den anderen Arm unter die Hüfte. Die tragende Person wird durch sanfte und leichte Bewegungen durch das Wasser getragen, d.h. hinterher bewegt. Dabei ist es wichtig, dass die Bewegungen sehr langsam durchgeführt werden. Wenn man trägt, kommen uns die Bewegungen extrem langsam vor, jedoch muss man beachten, dass diese im Wasser noch drei bis viermal intensiver sind. Wir summen dabei auch eine Melodie. Möglichst keine bekannten Melodien, da diese irgendwelche Assoziationen hervorrufen könnten. Dies wird als sehr angenehm empfunden. Die Melodien tragen natürlich auch zur Entspannung und zur Beruhigung bei. Ähnlich wie bei einem Einschlaflied, was wir aus der Kindheit kennen.

Das Ganze dauert ca. 25 Minuten. Meistens sage ich das jedoch im Vorfeld den Patienten nicht. Das hat auch wieder was mit Vertrauen zu tun. Der Patient darf sich einfach mal gehen lassen und seine Kontrolle übergeben. Nach 25 Minuten wird der Getragene ganz sanft an den Beckenrand zurück geführt. Die Augen sind geschlossen und der Kopf liegt am Beckenrand. Anschließend wird der Patient noch gefragt, ob er eine Kopf-und Gesichtsmassage haben möchte. Das sind meist so drei bis fünf Minuten und das hilft um im Hier und Jetzt anzukommen und nachzuspüren.

„Welchen Therapiezweck erfüllt das Wasser-Tragen?“

Im therapeutischen Sinne ist das eine Nachnäherung der pränatalen Phase. Das Unterbewusstsein verbindet diesen Zustand mit der Erfahrung im Fruchtwasser, gefördert durch das Liegen und Gehalten werden im Wasser. Das kann sehr entlastend, unterstützend und befriedigend sein und im wahrsten Sinne des Wortes „tragen“. Das kann natürlich auch ein kindliches Bewusstsein nochmal stärker hervorrufen. Dann kann es schon mal vorkommen, dass traumatische Erlebnisse durchbrechen. Das ist auch gut so. Das ist nichts schlimmes und so soll es auch sein. In dem Moment erfahren die Patienten jedoch, dass nichts passiert. Heute und Jetzt ist alles anders als damals. Sie können zurückblicken und dabei werden sie gehalten. Der Patient erlebt ein Gehalten werden in der dramatischen Situation. Und selbstverständlich wird das Ganze auch therapeutisch weiter bearbeitet. Das ist natürlich ein wunderbarer Moment, an dem man therapeutisch anknüpfen kann. Endlich hat der Patient etwas begriffen und erlebt, was vorher noch nicht hochkommen konnte und dadurch eben ans Licht gelangt.

Es ist es ein komplettes Loslassen. Und um das zu können, braucht man natürlich auch Vertrauen, weil der Patient das ja nicht alleine im Wasser macht. Es ist eine Interaktion oder man kann auch sagen, es ist eine von Herz-zu-Herz Kommunikation. Denn wenn das mit einem von beiden nicht funktioniert, ist Entspannung gar nicht möglich. Der Patient kann sich beim Tragen und Getragen werden erfahren. Diese Erfahrung, die er damit macht, sowohl als auch in der Interaktion, sind übertragbar in den Lebensalltag. In wie weit ist es den Patienten denn da möglich, im Alltag bestimmte Sachen zu tragen oder Verantwortung zu übernehmen und umgekehrt auch. Viele sagen, dass Tragen war super einfach, aber das Getragen werden sehr schwierig. Beide Erfahrungen sind therapeutisch ganz wichtig, sinnvoll und eröffnen weitere Räume. Beim Tragen sollen die Patienten auch schauen, wie weit es ihnen gelingt abzugeben und loszulassen, vor allem an das Wasser. Das Wasser ist ja die Instanz, die unterstützt und hilft. Es tropft, nimmt auf, deshalb können wir auch z. B. in einem Vollbad so gut entspannen.

„Welche Patienten kommen zu diesem Therapieangebot und wie oft findet es statt?“

Es ist eine Methode, die allen Menschen gut tut, weil sie Entspannung finden. Hervorragend geeignet für Patienten die Gefühle schwer loslassen können bzw. gestresst sind. Das Wasser-Tragen wird ein Mal pro Woche angeboten.

„Das Wasser-Tragen basiert auf dem ganzheitlichen Konzept. Der Körper, die Seele und der Geist wird mit einbezogen. Können Sie das noch etwas näher erklären?“

Das Angebot ist sinnvoll für Patienten, die Schwierigkeiten haben sich zu entspannen oder starke körperliche Verspannungen verspüren. Für diese ist die Übung interessanter als für Menschen, die regelmäßig meditieren oder die sich gut entspannen können. Das Schöne ist, dass es sich gar nicht vermeiden lässt. Allein wenn wir schwimmen gehen, atmen wir automatisch schon ganz anders. Dann haben wir auch alle das Bedürfnis, ob wir wollen oder nicht, nach Nähe, Geborgenheit und Vertrauen. Das ist menschlich. Der Patient wird ja nicht nur getragen, sondern auch gehalten.

Wir haben die verschiedene Ziele des Therapiekonzeptes mal zusammengefasst: die Erfahrung getragen zu werden, Entspannung, Loslassen, Anvertrauen, Balance finden zwischen Geben und Nehmen und die Entwicklung eines positiven Lebensgefühls. Wenn Verspannungen sich lösen, können die Patienten sich im „neuen Körper“ wieder wohler fühlen. Deswegen besteht immer eine Interaktion zwischen allen drei Polen. Der Patient darf einfach er selbst sein und loslassen.

„Gibt es noch etwas, was Sie allen Interessierten mitgeben möchten?“

Einen wichtigen Punkt würde ich vielleicht noch anmerken. Wenn Patienten in der Rückenlage merken, dass es ziemlich schwierig wird und Ängste auftauchen, kann man die Übung noch mehrmals probieren. Sollte das nicht funktionieren, besteht die Möglichkeit zwei andere Positionen einzunehmen. Patienten mit starken Nackenbeschwerden, schwergewichtige und verspannte Menschen können auch mit Schwimmnudeln arbeiten. Diese werden dann unter die Knie gelegt, sodass der Patient, der liegt, seine Knie locker lassen kann. Oftmals liegen die Patienten stocksteif da, was jedoch nicht Sinn und Zweck der Sache ist. Sie können lernen, die Beine hängen zu lassen. Das Ziel ist es, einen Zustand zu erreichen, der für beide Teilnehmer angenehm.

Nochmal zusammen gefasst: Wasser heißt Stoff des Lebens. Es fließt, es nimmt den geringsten Widerstand, es trägt, es reinigt, es erfrischt und erneuert Leben. Außerdem ist der Mensch ein Wasserwesen. Wir bestehen insgesamt zu 80 Prozent aus Wasser. Wir brauchen das Wasser für unseren Stoffwechsel. Ohne dieses könnten wir gar nicht leben. Und ich denke, dass diese unbewusste Verbindung zum Wasser die Therapie nochmal unterstützt.

Das Interview führte Marina Prieb.

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Sebastian Bünner

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