Internetsucht – Gefangen im Netz

Internetsucht„Internetsucht“ – internet addiction disorder, IAD – wurde als Begriff erstmalig von Ivan Goldberg, New Yorker Psychiater und Pharmakologe und selbst begeisterter „net user“, verwendet. 1995 veröffentlichte er in der New York Times einen ersten, eher scherzhaft gemeinten, Artikel zur Aufklärung über die Gefahren der Internetnutzung. Aus dieser zunächst nicht ganz ernstgemeinten Überlegung erwuchs schnell ein Bewusstsein über das Abhängigkeits-Potenzial der Internetnutzung.

Die einschlägige Daten- und Studienlage hat allerdings auch bis heute noch nicht zu einer Einigung in wissenschaftlichen Fachkreisen geführt. Die „Internet-Abhängigkeit“ oder der „Pathologische Internet-Gebrauch“ sind noch nicht in der internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD) aufgenommen und damit auch nicht als eigenständige Erkrankung anerkannt. Zurzeit behilft man sich mit der Diagnose „Störung der Impulskontrolle“.

Merkmale einer Internetsucht

Bisherige Untersuchungen beschreiben folgende Merkmale dieser speziellen Störung:

  • häufiges unüberwindliches Verlangen, sich ins Internet einzuloggen;
  • Kontrollverluste (längeres „Online-Sein“ als beabsichtigt), verbunden mit diesbezüglichen Schuldgefühlen;
  • sozial störende Auffälligkeit im engsten Kreis der Bezugspersonen (Freunde, Partner, Familie);
  • Nachlassen der Arbeitsfähigkeit;
  • Verheimlichung oder Bagatellisierung der Gebrauchsgewohnheiten;
  • psychische Irritabilität in Form von Nervosität, Reizbarkeit und depressiver Verstimmung bei Hinderung am Internet-Gebrauch;
  • mehrfach fehlgeschlagene Versuche, die Internetnutzung einzuschränken.

Die internationale Expertin Kimberly S. Young nennt in ihren Veröffentlichungen verschiedene Beweggründe für das Verhalten der als internetabhängig identifizierten User. Im Cyberspace besteht die vereinfachte Möglichkeit, persönlichen Bedürfnissen nachzukommen, die in der Realität erheblichen persönlichen Einsatz erfordern. Zu diesen Bedürfnissen zählen:

  • Das Ausleben sexueller Phantasien: Im Schutz der Anonymität wird vieles möglich, was in der Realität nicht durchführbar wäre.
  • Soziale Unterstützung und Gruppengefühl: im Internet werden schnell Kontakte geknüpft. Auch schüchterne, zurückhaltende Menschen haben im Netz keine Beziehungsschwierigkeiten.
  • Das Spiel mit der eigenen Identität: Im Netz braucht man nicht zu offenbaren, wer man ist. Für Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl bietet dies die Chance, sich selbst eine neue, problemlosere Identität zu verschaffen.

Wer ist besonders betroffen?

Als besonders gefährdet gelten depressive und einzelgängerisch veranlagte sowie ängstliche Menschen. Wenn der Druck des Alltags sehr groß wird, kann die virtuelle Welt eine Fluchtmöglichkeit bieten, wobei alltägliche Aufgaben und gesellschaftliche Anforderungen vernachlässigt werden. Depressive Menschen finden virtuelle Entlastung, narzisstische Persönlichkeiten befriedigen ihren Machtanspruch, Jugendliche finden neue Möglichkeiten, ihre Grenzen auszuloten und die vermeintliche Chance, ihre Persönlichkeit zu entwickeln.

Bei Teilnehmern an Vielspieler-Rollenspielen und „Browsergames“ kann es dazu kommen, dass sie ihre Spielerfolge in die Realität mitnehmen, um sich gegen andere Menschen zu behaupten. Oft stellen Spielerfolge den Ersatz für Erfolge im echten Leben dar.

Nach einer im November 2012 veröffentlichten Studie („PINTA“-Prävalenz der Internet-Abhängigkeit) gelten 1% (560.000) der 14- bis 64-Jährigen in Deutschland als internetabhängig und weitere 2,5 Millionen (4,6%) werden als problematische Nutzer eingestuft. Besonders betroffen sind Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 24 Jahren: In dieser Altersgruppe gelten 2,4% (250.000) als abhängig und ca. 13% (1,4 Millionen) als problematische Nutzer. Unter den 14- bis 16-Jährigen gelten 4% als internetabhängig. Dabei ist der Frauenanteil mit 4,9% höher als der Männeranteil, der bei 3,9% liegt. Auf Jungen üben vorwiegend Online-Rollenspiele eine große Anziehungskraft aus, Mädchen halten sich dagegen öfter in sozialen Netzwerken auf. Bei den 25- bis 64-Jährigen zeigt die Studie ein erhöhtes Risiko für die Entstehung einer Abhängigkeit bei Männern, Ledigen, Arbeitslosen und bei Menschen mit Migrationshintergrund.

Behandlung der Onlinesucht

Eine Behandlung in Form einer stationären Psychotherapie wie in den Heiligenfeld Kliniken fokussiert Strategien zur Reduktion des Internetgebrauchs, die Stabilisation des Selbstwertgefühls, das Üben von Kommunikationsstrategien und der sozialen Kompetenz, die Zusammenarbeit mit Angehörigen und die Klärung etwaiger Hintergründe für die Abhängigkeit aus dem Leben der Betroffenen – alles Voraussetzungen, um im Alltag einen unabhängigen, gesundheitsunbedenklichen Umgang mit dem Internet und sozialen Netzwerken umzusetzen.

Alle Informationen zum Behandlungskonzept für Abhängigkeitserkrankungen finden Sie auf der Seite der Parkklinik Heiligenfeld unter https://www.sucht.heiligenfeld.de.

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